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Deutschland & Welt

19. November 2017 | 07:51 Uhr

Seenomaden in Thailand : Ohne Rechte im Paradies

vom

Nach dem Tsunami waren sie Helden, doch noch immer werden viele Moken diskriminiert. Unser Redakteur Stefan Beuke hat das thailändische Seenomadenvolk besucht.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2013 | 10:37 Uhr

Ko Surin | Als Wakim anfängt zu existieren, ist er weit weg von seiner Heimat. Der kleine Junge ist einer der Wenigen in seinem Volk, der einen Pass besitzt. Er hat eine Zukunft, kann in Krankenhäusern behandelt werden und braucht keine Angst zu haben, grundlos ins Gefängnis geworfen zu werden. In seiner Familie ist er der Einzige. Sein Vater Suga, seine Mutter Yamleng und seine Schwester Muning sind staatenlos, haben keine Ausweise - und keine Rechte. So ergeht es vielen Moken, einem Seenomadenvolk in der südostasiatischen Andamanensee.

Wakims Heimat scheint wie das Paradies. Türkisblaues Wasser, im Hintergrund erhebt sich tropischer Regenwald. Der Junge mit dem rundlichen Gesicht und tiefdunklen Augen lebt auf Mu Ko Surin. Genauer gesagt, lebt er in einer Bucht mit dem Namen Ao Bon. Sie gehört zu einem Archipel aus fünf kleinen Inseln, 60 Seemeilen vor der Westküste Thailands. Vier Stunden dauert es, um mit einer motorisierten Nussschale vom Festland dorthin zu kommen. Wakim ist neun Jahre alt. Es steht in seinem Ausweis, den seine Eltern sicher in einer Kiste, von einer durchsichtigen Plastikhülle beschützt, in ihrer Hütte aufbewahren. Zu wertvoll ist dieses Dokument, das aus einem staatenlosen Menschen einen thailändischen Staatsbürger macht.

"Keiner würde ein Verschwinden merken"

Wakim hat Glück gehabt. Dass der Junge überhaupt einen Pass besitzt, ist einem Zufall geschuldet. Die Geschichte ist ein paar Jahre her. Genau kann man es nicht sagen. Zeit spielt im Leben der Moken keine Rolle. Auf jeden Fall war es nach dem schlimmen Tsunami 2004. Wakim und seine Familie waren bei den Großeltern auf einer anderen Insel einige Stunden entfernt, als auf Mu Ko Surin die Moken registriert werden sollten. Ein Lehrer erinnerte sich an den Jungen und sorgte dafür, dass auch Wakim auf die Liste kam. So wurde der Junge offiziell registriert und bekam einen Ausweis. Was diese kleine Plastikkarte, die etwa so groß wie ein moderner deutscher Führerschein ist, bedeutet, versteht der Neunjährige noch nicht. Aber so viel ist ihm klar: "Die Polizei kann mich nicht einfach festnehmen."

Auf den Punkt bringt es Maja Cubarrubia: "Du existierst nicht, wenn du nicht registriert bist", sagt die Länderdirektorin vom Kinderhilfswerk Plan in Thailand. "Sie könnten verschwinden und keiner würde es merken." Die international agierende Hilfsorganisation setzt sich dafür ein, diskriminierten Minderheiten zu ihren Rechten zu verhelfen. Auch den Moken. Die gebürtige Philippinin ist gerade einmal 1,50 Meter groß, doch jeder einzelne Zentimeter strotzt vor Lebensfreude, Optimismus und Tatendrang. Man glaubt ihr jedes Wort, wenn sie sagt: "Ich kann Ihnen unzählige herzbrechende Geschichten erzählen. Aber an diesem Punkt können wir nicht stehenbleiben. Wir müssen Hoffnung geben." Mit Hoffnung meint sie eine Identität, Schulbildung und medizinische Versorgung. Aber auch Gerechtigkeit. Die Moken dürfen ihren Distrikt ohne gültigen Ausweis nicht verlassen. Die Behandlungen in Krankenhäusern müssen sie selbst voll bezahlen. Das Geld dafür hat kaum einer von ihnen. Nicht selten werden sie von der Polizei festgenommen und gegen das wenige Bare, das sie besitzen, wieder freigelassen.

Zeit spielt bei den Moken keine Rolle

Wakims Schwester Muning ist etwa 15 Jahre alt. Da Moken keine Jahre zählen, können die Eltern das Alter nur schätzen. In ihrer Welt spielen Geburtstage keine Rolle. Bevor der Besuch zu ihr kommen darf, will sich Muning noch schick machen. Es dauert keine Minute. Sie hat ihre dunklen lockigen Haare zu einem Zopf zusammengebunden und ein weißes T-Shirt angezogen. An der linken Schulter ist es eingerissen, an der rechten Seite zeichnen sich Flecken ab. So sieht schick bei armen Menschen aus.

Muning ist ein hübsches Mädchen, doch das registriert man erst auf den zweiten Blick. Und zwar immer dann, wenn ihre Schutzhaltung zu bröckeln beginnt. Es sind nur einzelne Momente, in denen sie lächelt. Das Gesicht, das vorher hart und abweisend wirkt, bekommt auf einmal weiche Züge. Zum Beispiel, wenn sie von ihrem Dorf spricht, vom Wasser, vom Schwimmen, das sie - wie alle Moken - liebt. Die Kinder haben die Fähigkeit, ohne Taucherbrille, Kieselsteinchen auf dem Meeresgrund von kleinen Muscheln zu unterscheiden. Zur Schule geht Muning im Moment nicht. Sie sagt, es sei ihr unangenehm, dass sie in fast die gleiche Stufe wie ihr Bruder gehen soll, obwohl sie sechs Jahre älter ist.

Während des Tsunamis wurden sie zu Helden

An ihre Zukunft denkt Muning nicht wirklich. Es ist typisch für ihr Volk. "Moken planen nicht langfristig, sondern sind nur im Überlebensmodus", sagt Ilya Smirnov, ein aus Kasan stammender Russe, der seit 16 Jahren in Thailand lebt. Er leitet die Hilfsorganisation child line, die mit Plan kooperiert. Auch Wakim und Muning kennt er gut. Er weiß, dass die Moken von sich aus nie etwas fordern und sich offensiv um ihre Rechte kümmern würden.

Nach dem Tsunami 2004 rückten die Moken stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Sie allein hatten die Zeichen der tödlichen Welle frühzeitig erkannt: das hektische Schreien der Krähen, das plötzliche Schweigen der Hunde, das Wasser, das sich rasend schnell zurückzog. Alle Moken auf Mu Ko Surin überlebten den Tsunami und mit ihnen die Ranger des nahe liegenden Nationalparks und einige Touristen, denen sie das Leben retteten. Gemeinsam flüchteten sie einen Berg hinauf.

Ein Volk zwischen den Welten

Mit der Heldengeschichte wurde danach medial ordentlich auf die Tonne gehauen. Heute wird höchstens noch geflüstert. Dabei hätten viele Moken noch das Recht, laut zu schreien. Aber Muning spricht leise - und sehr langsam. Es dauert, bis ihre Gedanken zu Wörtern werden, als sie sagt: "Ohne einen Ausweis kann ich niemals sicher in eine andere Provinz fahren."

Am nächsten Tag hat sie ihr Gesicht mit gelb-goldener Farbe bemalt. Diese soll vor der Sonne schützen, aber es ist auch ein Ausdruck von Ästhetik, der im benachbarten Myanmar seine Wurzeln haben soll. Dort befindet sich der nördlichste Teil des Siedlungsraums der Moken. Er reicht über Thailand und Malaysia bis hin zu den indonesischen Inseln im Süden. Früher lebten sie halbnomadisch auf ihren traditionellen Holzbooten, Kabang genannt, mit denen sie in kleinen Flotten unterwegs waren. In der Zeit des Monsuns zwischen Mai und Oktober wurden Inseln wie Mu Ko Surin ihr Hafen.
Die Moken sind ein Volk zwischen den Welten. Ihr altes Leben als Seenomaden ist nicht mehr möglich. Gleichzeitig ist die moderne Welt, die sich immer schneller dreht, für die Moken weit entfernt. Thailand verzeichnet deutliche Wachstumsraten und besitzt mittlerweile den Status eines Schwellenlandes. Doch noch immer gibt es arme Menschen wie die Moken.

Die Seenomaden sind sesshaft geworden

Am ursprünglichen Lebensstil hat sich einiges geändert. Die thailändische Regierung hat 1981 weite Landstriche der Andamanensee zu schützenwerten Naturparks erklärt. Die Nutzung von Holz, das sie für neue Boote brauchen, oder der Fischfang sind für Moken nicht mehr erlaubt. Unweit entfernt der Schutzgebiete fischen hingegen große Trawler die Meeresgründe leer. Die Zerstörung der Holzschiffe durch den Tsunami tat sein Übriges. Ein Großteil der Ethnie ist sesshaft geworden und auf Gelegenheitsjobs angewiesen.

So auch Munings und Wakims Vater Suga. Er arbeitet als Bootsführer und chauffiert Touristen zu den Inseln. 6500 Bath verdient er pro Monat, etwa 175 Euro. Das geht allerdings nur knapp sechs Monate im Jahr. Während des Monsuns ist er auf dem Festland und versucht dort kleinere Aushilfsjob zu bekommen, um seine Familie zu ernähren. Dass er keinen Ausweis hat, erschwert die Suche.

Der Bürgermeister lebt drei Stunden entfernt

Der Weg zur Geburtenregistrierung und damit zu einem eigenen Ausweis ist steinig. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation fühlen sich oftmals wie Sisyphos, dem immer wieder die Felsblöcke entgegenrollen. 237 Moken leben derzeit in dem Dorf. Etwa 100 sind registriert, weitere 100 haben einen Ausweis, der allerdings mit der Ziffer Null versehen ist, was bedeutet, dass ihnen keinerlei Rechte zustehen. Weitere 40 haben gar keinen Pass. 150 Registrierungen sind notwendig, um offiziell eine eigene Gemeinde mit einem eigenen Vorsitzendem zu werden. Der jetzige verantwortliche Bürgermeister lebt drei Stunden entfernt.

"Es ist schwierig", sagt Smirnov. Der 35 Jahre alte Mann, der mit seinem breiten Kreuz und dem wellenden Haar ausschaut, als könne er nicht nur Bären in der russischen Taiga, sondern auch die bürokratischen, oftmals vollkommen willkürlichen Felsbrocken mit seiner Kraft aufhalten, hat schon einiges erlebt in seiner neuen Heimat. Die Zuständigkeiten wechseln oft, unterschiedliche Regierungen in den Provinzen bedeuten verschiedene Regeln und Gesetze, erzählt er. So ereignen sich höchst merkwürdige Geschichten, die mit gesundem, westeuropäisch geprägtem Menschenverstand kaum fassbar sind. So wie die von Zwillingen, von denen der eine einen Pass bekam, der andere aber nicht. Oder die Geschichte von dem inoffiziellen Dorfvorsteher Salang, der - wie so viele Moken - auf dem Meer geboren wurde. Allerdings ist unklar, ob im thailändischen oder im burmesischen Gewässer - und so verweigern die Behörden eine offizielle Registrierung.

Ein einfaches Leben im Paradies

Wie viele Moken es überhaupt gibt, lässt sich kaum feststellen. Das Kinderhilfswerk Plan schätzt die Anzahl in Thailand auf etwa 12.000. Eine seriöse Zahl lässt sich aber kaum angeben, zu oft wechseln viele ihre Aufenthaltsorte, zu viele sind nicht behördlich erfasst. Doch das Kinderhilfswerk arbeitet daran, dass immer mehr Moken registriert werden.

Das Leben im Paradies ist einfach. Sehr einfach. Das aus 60 Hütten bestehende Dorf in der Bucht hat etwa die Länge eines doppelten Handballfeldes. Papayabäume und Bananenstauden stehen dort. Für die 237 Moken wurden 18 Toiletten aufgestellt. Dann und wann spazieren Touristen durchs Dorf, fotografieren, kaufen vielleicht eines der selbst gebastelten Bastbändchen, mit denen die Mokenfrauen versuchen, etwas Geld zu verdienen. Dann verschwinden sie wieder in das nahe gelegene Ressort des Nationalparks - in eine andere Welt.

Muning, Wakim und ihre Eltern bleiben hingegen in ihrer Hütte, ohne Strom, ohne Dusche, ohne gemütliches Bett. Der Raum ist gerade einmal fünf mal fünf Meter groß. In der einen Ecke stehen ein kleiner Ofen, zwei Töpfe, darüber einige Teller und etwas Besteck. In der anderen Ecke ein aus Stöckern selbst gebautes Regal und ein Schrank aus Aluminium für ihre Kleidung. Auf der linken Seite schlafen die Kinder auf dünnen Matten, auf der rechten, getrennt durch einen schmalen Raumteiler aus Holz, die Eltern. Das Dach ist mit den Blättern von Bananenstauden gedeckt. Zu viert leben sie dort, auch wenn nur einer von ihnen offiziell existiert.

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