Immobilienpreise auf Sylt : Notstand auf der Luxusinsel

Rekordpreise von 35000 Euro pro Quadratmeter sind in Kampen keine Seltenheit. Das aber können sich nur noch die ganz Reichen leisten. Foto: dpa
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Rekordpreise von 35000 Euro pro Quadratmeter sind in Kampen keine Seltenheit. Das aber können sich nur noch die ganz Reichen leisten. Foto: dpa

Die Luxus-Insel der Deutschen wird immer beliebter. Die Nachfrage katapultiert die Immobilienpreise nach oben - und die Insulaner aus ihrer Heimat. Für sie wird Wohnraum zur Mangelware.

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22. Juli 2012, 05:25 Uhr

Sylt | "Die Nordseeinsel Sylt hat ihre Position als Deutschlands teuerster Immobilien-Standort gehalten." Vermeintliche Anerkennung schwang mit, als die Deutsche Presseagentur (dpa) kürzlich unter Berufung auf eine Studie des Nobel-Maklers Engel & Völkers diese Meldung herausgab. Nirgends sonst in der Bundesrepublik kostet ein Quadratmeter so viel wie in Kampen: in absoluter Spitzenlage 35.000 Euro. Was für Händler und Verkäufer ein Traum sein mag, entwickelt sich für die normalen Insulaner jedoch immer mehr zum Albtraum. Die stetig steigenden Immobilienpreise locken immer mehr Zweitwohnungsbesitzer an - und machen den Dauerwohnraum derart knapp, dass sich der Durchschnittsverdiener diesen nicht mehr leisten kann. Zusätzliche Grundstücke gibt es nicht, weil der Naturschutz dies in der einzigartigen Landschaft nicht zulässt.
Bis zu 3000 Pendler täglich
Allein in den letzten zwei Jahren haben sich rund 240 einstige Sylter an einen ungleich günstigeren Wohnsitz im Amt Südtondern umgemeldet, den Festlandsabschnitt auf der anderen Seite des Hindenburgdamms. Mit dem Zug pendeln mittlerweile täglich 2500 bis 3000 Menschen aus dem Raum Niebüll von und zur Arbeit auf die Insel. Doch sie können schon nicht mehr kompensieren, was Sylt durch die Abwanderung auch in entferntere Regionen verloren geht: 500 Service-Jobs vor allem im Tourismus sind in diesem Sommer unbesetzt. Größ tes Hindernis: fehlende Unterkünfte für Arbeitnehmer.
Einwohnerzahl droht Halbierung
Die Behörden geben die - von vielen bereits bezweifelte - Zahl der Dauereinwohner Sylts noch mit 21.000 an. Wenn die Erosion so weitergeht wie bisher, könnte ihre Zahl in 20 bis 30 Jahren auf nur noch 10.000 bis 12.000 gefallen sein. Diese Prognose trifft ein Gutachten im Auftrag der Gemeinde Sylt.
Branchen-Kenner sprechen davon, dass sich die Grundstückspreise über die letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt haben. "Allein in den letzten zwei Jahren haben die Immobilienpreise in Einzelfällen um 50 Prozent und mehr angezogen", berichtet Ole König von König Immobilien, einem seit 50 Jahren bestehenden Familienunternehmen. "Im Moment werden Preise aufgerufen, die jenseits von allem bisher Dagewesenen sind." Als Ursache für das immer weitere Anziehen der Schraube sieht er die Finanzmarkt-Krise und die mit ihr einhergehenden niedrigen Zinsen. "Das macht die Flucht in Sachwerte noch attraktiver, und bei Wohneigentum auf Sylt wissen die Kunden um die Wertbeständigkeit", sagt König. Insbesondere im Segment bis 500.000 Euro registriert er eine "deutlich gestiegene Nachfrage". "Mit Glück" könne man dafür eine Wohnung von 60 Quadratmetern bekommen. Welche Ausmaße die Goldgräberstimmung zwischen List, Hörnum und Morsum erreicht hat, lässt sich auch an der Zahl von 200 Maklern ablesen, die inzwischen auf der Insel registriert sind. In den 90er Jahren waren es noch 60. "Das hat die Schraube noch beflügelt", diag nostiziert König. Weil sich die Händler bei veräußerungswilligen Hauseigentümern gegenseitig überbieten, würden die Angebotspreise teils "künstlich hochgetrieben und auf diese Weise auch schlechte Lagen überbewertet."
Erben in Versuchung oder unter Druck
Wer ein Haus erbt, gerät leicht in Versuchung zu verkaufen - und sich mit dem Spitzenerlös von der Insel auf dem Festland zu normalen Preisen ein neues Domizil zu errichten. Selbst Bruchbuden gehen gut. Investoren nehmen sie mit Kusshand, reißen ab und bauen neu - Ferienwohnungen, weil sich mit denen ein Vielfaches der Miete für Dauerwohnen erzielen lässt. Zumal, wenn es um eine Erbengemeinschaft aus mehreren uneinigen Geschwistern geht, sind diesem Gang der Dinge Tür und Tor geöffnet. "Selbst, wenn einer der Erben das Haus halten möchte, kann er es oft nicht, weil er seine Geschwister angesichts des immensen Grundstückswertes mit horrenden Summen auszahlen müsste", erklärt Lars Schmidt, Gründer der Bürgerinitiative "Zukunft Sylt". Einzelne hätten ein Erbe sogar schon ausschlagen müssen - weil sie, wieder bedingt durch den Grundstückswert, die davon abhängige Erbschaftssteuer gar nicht zahlen konnten. Fast die Hälfte der Häuser der Insel, beobachtet Schmidt, seien im Winter meist dunkel - also Ferienimmobilien.
Er kennt "nicht nur Leute, die weggehen, weil sie keinen Wohnraum mehr finden - sondern auch solche, die wegziehen, weil sie keine intakte Nachbarschaft mehr vorfinden." "Nicht nur arme Menschen, sondern die breite Mittelschicht wird von der Insel verdrängt", kritisiert Schmidt. Nachdem er diese Stimmung "in immer mehr Gesprächen aufgenommen" hat, hat der Naturkosmetik-Unternehmer aus Tinnum im letzten Jahr "Zukunft Sylt" ins Leben gerufen. Er möchte dem Verdruss ein Ventil geben und zugleich Perspektiven aufzeigen. 1600 Menschen haben sich "Zukunft Sylt" auf deren Facebook-Seite angeschlossen, den harten Kern aktiver Mitstreiter gibt Schmidt mit "15 bis 20" an. "Einige auf der Insel finden es nicht so gut, was wir zum Thema machen - sie möchten die Illusion der Idylle erhalten", sagt Schmidt.
Bürger-Initiative will die Wende
Er findet das auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten "nicht zielführend". Denn: "Wenn hier immer weniger Arbeitskräfte untergebracht werden können, ist Sylt irgendwann touristisch nicht mehr betriebsfähig." Das Erholungsparadies droht sich auf diese Weise Stück für Stück selbst aufzufressen.
Für "Zukunft Sylt" ist dieses Szenario ein Ansatzpunkt, auch diejenigen in die eigene Arbeit einzubeziehen, die die Misere verursachen. Zum Beispiel bei den "German Polo Masters" an diesem Wochenende möchte Schmidt auch bei den "Reichen und Schönen" um Zustimmung und finanzielle Unterstützung werben. Spätestens zum Biike-Brennen im nächsten Februar soll eine Bürgerstiftung gegründet sein, die die Arbeit von "Zukunft Sylt" auf breitere Füße stellt. Die Satzung liegt bereits zur Genehmigung beim Land. Sponsorengelder sind gefragt, um aus dem Stiftungsvermögen eines Tages ein Wohnprojekt anzuschieben, das ausschließlich für Sylter mit durchschnittlichem Einkommen gesichert wird. Zwar bemüht sich auch die Gemeinde Sylt um neue Wohnformen mit Schutz vor Spekulanten (siehe Text rechts) und wird dafür von Schmidt ausdrücklich gelobt. "Doch das reicht nicht", befürchtet er. "Um einen signifikanten Effekt im Preisgefüge zu erzielen, brauchen wir auf Sylt 2000 neue Wohnungen."

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