Neue Studienergebnisse : Nocebo-Effekt: Wie die Psyche Impfreaktionen bei Corona-Impfung beeinflusst

Author: dpa7Friso Gentsch
Studien zeigen, dass die Psyche die Nebenwirkungen bei Impfungen beeinflussen kann.

Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen: Viele der Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung könnten Studienergebnissen zufolge durch den Nocebo-Effekt hervorgerufen werden. Ängste und Erwartungen der Geimpften spielen dabei eine entscheidende Rolle.

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21. Januar 2022, 12:30 Uhr

Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen: Viele der Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung könnten Studienergebnissen zufolge durch den Nocebo-Effekt hervorgerufen werden. Ängste und Erwartungen der Geimpften spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Ein großer Teil der empfundenen Impfreaktionen bei den Corona-Impfungen könnte einer Studie zufolge auf den sogenannten Nocebo-Effekt zurückgehen. Rund drei Viertel (76 Prozent) der Patientenmeldungen zu den Reaktionen, die den ganzen Körper betreffen, nach der ersten Impf-Dosis und etwa die Hälfte (52 Prozent) der Meldungen wahrgenommener Folgen nach der zweiten Impfdosis ließen sich in der Auswertung darauf zurückführen, schreiben Wissenschaftler um Julia Haas, Sarah Ballou und Friederike Bender unter anderem von der Harvard Medical School und der Philipps-Universität in Marburg im Fachmagazin „Jama Network Open”.

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Nocebo-Effekt: Erwartung einer Schädigung kann Beschwerden auslösen

In der Medizin sind Placebo- und Nocebo-Effekt bekannt. Positive Erwartungen können die Wirksamkeit eines Präparats verstärken und sogar bei einem Scheinmedikament zu einer Wirkung führen - das wird Placebo-Effekt genannt. Umgekehrt sorgt beim Nocebo-Effekt allein die Erwartung negativer Folgen dafür, dass diese tatsächlich zu spüren sind. Der Effekt ist etwa von den auf Beipackzetteln von Tabletten aufgeführten Nebenwirkungen bekannt: Ein Ende der vierten Welle ist absehbar, sagt Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Und er macht Hoffnung, dass damit auch die Corona-Pandemie anders bewertet werden könnte.

Für ihre Forschungen analysierten die Forscher zwölf klinische Studien zu Impfungen mit verschiedenen Corona-Impfstoffen mit insgesamt rund 45.380 Teilnehmern, die Impfreaktionen meldeten - davon 22.802, die Impfstoff gespritzt bekommen hatten, und 22.578, die ein Scheinpräparat bekommen hatten, ein Mittel ohne Arzneistoff. Nach der ersten Dosis meldeten rund 35 Prozent der Scheinpräparat-Empfänger Impfreaktionen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Nach der zweiten Dosis waren es rund 32 Prozent. Bei den Impfstoff-Empfängern waren es rund 46 Prozent nach der ersten Dosis und rund 61 Prozent nach der zweiten Dosis.

Kopfschmerzen sind eine der möglichen Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung.
dpa/Christin Klose

Kopfschmerzen sind eine der möglichen Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung.

Aufklärung vor der Impfung als mögliche Ursache

Grund für die Nocebo-Reaktionen könnte den Wissenschaftlern zufolge die Aufklärung über mögliche Folgen vor der Impfung sein. „Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art von Information dazu führen kann, dass Menschen übliche tägliche Hintergrundempfindungen dann fälschlicherweise auf die Impfung zurückführen, oder Sorgen und Nervosität auslösen, die die Menschen hypersensibel im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen machen”, sagte Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School. Darüber müsse beim Impfen besser aufgeklärt werden, empfehlen die Forscher. Als limitierend für die Ergebnisse führen die Wissenschaftler die vergleichsweise kleine Zahl der analysierten Studien und deren hohe Heterogenität an.

Weitere Studien weisen darauf hin, dass im zentralen Nervensystem durch negative Erwartungen körperliche Veränderungen angestoßen werden können. „Angst vor Schmerzen kann zum Beispiel Opioide blockieren und den Botenstoff Dopamin hemmen”, sagt Ulrike Bingel, Professorin für Klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Essen. „So wird die Schmerzleitung und -wahrnehmung verstärkt anstatt herunterreguliert.”

Schon vielfach haben Forschende Folgen des Nocebo-Effekts untersucht. So berichteten Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) vor einigen Jahren, dass vermeintlich teure Medikamente diese Wirkung noch verstärken. Probanden hatten gesagt bekommen, zu den Nebenwirkungen eines verabreichten Präparats zähle ein erhöhtes Schmerzempfinden. Jene, die von einem teuren Mittel ausgingen, verspürten nach Einnahme des Scheinmedikaments mehr Schmerz als die übrigen. Im Frontalhirn entstehende Erwartungen beeinflussten die Verarbeitung von schmerzhaften Reizen in tieferen Regionen des Nervensystems, erläuterten die Forschenden. Auch die Verarbeitung von Schmerzreizen im Rückenmark werde verändert.

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Effekt kann im schlimmsten Fall dramatische Folgen kann

Wie mächtig der Nocebo-Effekt sein kann, zeigte einst ein Fall in den USA: Wissenschaftler um den Psychiater Roy Reeves von der University of Mississippi in Jackson berichteten im Jahr 2007 im Fachmagazin „General Hospital Psychiatry” über einen jungen Mann, der an einer Antidepressiva-Studie teilnahm und sich mit den ihm überlassenen Psychopharmaka das Leben nehmen wollte. Tatsächlich sackte sein Blutdruck so tief, dass der 26-Jährige in eine Notaufnahme kam. Dort stellten die Ärzte jedoch fest, dass der Mann zu jener Hälfte der Studienteilnehmer gehörte, die ein Scheinmedikament bekommen hatten. Als der Mann davon erfuhr, verschwanden die Symptome rasch.

Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg unterscheidet beim Nocebo-Effekt zwischen zwei Arten: Zum einen könne man Nebenwirkungen entwickeln, die durch ein Medikament „biochemisch nicht zu erklären” seien. Zum anderen könne es passieren, dass eine positive Wirkung ausbleibe, obwohl ein wirksames Medikament verabreicht wurde. In beiden Fällen ist die Erwartung entscheidend. „Wenn ein Patient zum Beispiel durch die Nachbarin oder aus dem Internet erfahren hat, dass schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten können, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich Beschwerden zu entwickeln.”

Mediziner spielen eine wichtige Rolle

Mediziner spielen eine wichtige Rolle

Auch Ulrike Bingel ist überzeugt, dass die Kommunikation durch den Arzt eine zentrale Rolle einnimmt. „Ärzte können Patienten erklären, dass zehn Prozent der Menschen Nebenwirkungen spüren - oder sie weisen darauf hin, dass 90 Prozent der Patienten das Medikament sehr gut vertragen.” Es sind die gleichen Fakten, nur anders präsentiert. „Es geht nicht darum, Informationen zu unterschlagen oder zu beschönigen”, sagt Bingel. „Aber man kann sie als Arzt so vermitteln, dass Patienten sie angstfreier aufnehmen.”
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