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Kinderärzte warnen vor Entwicklungsstörungen : Zu viel Technik im Kindesalter – dumm durch Handys?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tablets, Smartphones und Computer sind aus Kinderzimmern kaum noch wegzudenken. Doch Ärzte warnen vor den Risiken der digitalisierten Kindheit.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2015 | 16:48 Uhr

Dienstagvormittag in einem Flensburger Gymnasium. Bei Kennenlernspielen kommen sich die neuen Fünftklässler näher. „Wer spielt denn von Euch Minecraft?“, möchte der Lehrer wissen. Mehr als die Hälfte der Sextaner steht von ihren Stühlen auf. Minecraft ist ein ab sechs Jahren zugelassenes Programm, bei dem sich der Spieler aus Blöcken eine 3D-Welt baut – Minecraft-Fans lassen sich oft stundenlang vom Bildschirm fesseln. Aber auch weniger zeitraubende Computerspiele sind aus dem Freizeitverhalten unserer Kinder kaum noch wegzudenken.

Schon Dreijährige wischen über’s Tablet, Grundschüler haben ein Smartphone in der Tasche. Eine Realität, die viele Kinderärzte mit Argwohn betrachten. Gefährdet Konsumelektronik die Gesundheit unseres Nachwuchses?

„Eindeutig ja“, sagt Dr. Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. „Wir sehen die gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen täglich in unseren Praxen.“ Die Befunde: ein besorgniserregender Anstieg an Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen. Die Folge: Immer mehr Kinder müssen zur Ergotherapie. „Wir warnen auch vor den Folgen, die die Kinder erleiden müssen von Eltern, denen ihr Smartphone wichtiger ist als der Kontakt zum eigenen Kind.“

Aber sind solche Beobachtungen auch wissenschaftlich nachweisbar? „Es gibt weltweit haufenweise Studien, die diese Entwicklung belegen,“ sagt Kinderarzt Reckert. Eine Langzeitstudie aus Neuseeland über die Auswirkungen bis zum Erwachsenenalter habe Entwicklungsstörungen bei der Motorik und der Sprache offengelegt. „Kinder werden ungeschickter und können nicht mehr gut und sicher auf einem Bein stehen“. Weil die Aufmerksamkeit leidet, könnten die Kinder keinen Gedanken mehr halten, was ihre Rechenfähigkeit einschränkt. Vielen mangele es an Fingerfertigkeit, so dass die Fähigkeit zum Schleifebinden heute nicht mehr zur Schulreife gehöre. Schließlich erlangten Erwachsene, die mit viel Fernsehkonsum aufgewachsen sind, sogar die schlechteren Jobs.

Zu den wichtigsten Warnern vor den Risiken digitaler Berieselung zählt der Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer. Der 57-Jährige hat vor drei Jahren das Buch „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ veröffentlicht. Spitzers These: Bildschirm-Medien vermindern die Lernfähigkeit von Kindern drastisch, was zu Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen und Übergewicht führen kann.“

Der Flensburger Kinderarzt Kersten Rosemann, Obmann beim Landesverband der Kinder- und Jugendärzte, spricht gar von einer „Look-Down-Generation, die einem nicht mehr in die Augen schaut“. Die aus den Ergebnissen der Pisa-Studien abgeleitete Forderung, schon in den Kindergärten die Kompetenz für digitale Medien zu schulen, sei völliger Blödsinn. „Das ist eine Forderung der Wirtschaft.“ Die frühe Berieselung führe bei den Kindern unter anderem zu einem Verlust von sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. „Meiner Meinung nach müssen kleine Kinder überhaupt nicht fernsehen.“

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