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Gruscheln, Buschfunk, Einsamkeit : Zehn Jahre StudiVZ - Besuch in einer Zombie-Stadt

vom
Aus der Onlineredaktion

StudiVZ hat Geburtstag. Was passiert da eigentlich noch? Unsere Redakteurin stürzt sich kopfüber in die Vergangenheit.

Ich atme tief durch, sammle mich und tippe dann ein Passwort ein, das sich alt und studentisch anfühlt. Es geht! Ich bin ein bisschen aufgeregt. Hallo StudiVZ, lange nicht gesehen. So drei bis fünf Jahre, gefühlt 100. Alles so rot hier. Und ach ja, herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag. Ich war zuletzt vor fünf Jahren hier. Den Button „Zum neuen StudiVZ“ ignoriere ich mal geflissentlich.

Hintergrund: Das neue StudiVZ

Irgendwann habe ich den Button natürlich doch ausprobiert. Fazit: Moderneres Design. Der Buschfunk heißt nicht mehr so. „Hallo Barbara, was gibt’s Neues?“, fragt StudiVZ. Profil, Freunde, Nachrichten, Fotos, Spiele und Apps - insgesamt sieht StudiVZ aus wie Facebook in rot. Umschalten auf das alte StudiVZ ist möglich.

 

Die brennende Frage: Was hab ich eigentlich verpasst?

Nicht viel. Der Buschfunk schweigt. Welcher Busch überhaupt? Egal. „Dein Funkspruch“, schreibt StudiVZ, wo Facebook fragt: „Was ist heute passiert?“ Wie bei Twitter habe ich nur 140 Zeichen. In meinen Fingern zuckt es kurz. Etwas in mir will „Düddellütt, düddellüt, piep piep piep piep piep“ schreiben, um meinen Funkspruch zu beginnnen. Passend zu meiner Lieblingsgruppe von früher, „Rettet das innere Kind“. Aber wer könnte das lustig finden? Wer könnte das überhaupt registrieren? Unten in der Ecke steht: „Chat (0 Online)“.

Ich blicke in meine Freundesliste: Immerhin noch 113 Freunde. Ein zweiter Blick verrät: Alles Karteileichen wie ich. Menschen, die zu faul waren, um ihr Profil zu löschen. Die meisten haben ihr Profil zuletzt im Sommer 2011 aktualisiert, danach niemand mehr. Es scheint ein schlechter Sommer für StudiVZ gewesen zu sein. An die meisten Gesichter und Namen erinnere ich mich dunkel: Mit der einen habe ich ein Referat im Politik-Seminar gehalten, der andere hat mich mal auf einer WG-Party aus Versehen neben der Bier-Kühltruhe umgepogt. Aber wer ist „Simsalabim Hokuspokus“? Das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Ich habe drei ungelesene Nachrichten. Alle symptomatisch:

Eine gelöschte Person schrieb am 5. Juli 2011: „Hallo zusammen, in der nächsten Zeit werde ich mich hier im StudiVz abmelden. Wer mag, findet mich aber seit neuestem auf Facebook, wie immer unter bekanntem Namen. Auf bald und sonnige Grüße.“

Die zweite hat den Betreff „studivz adé, facebook olé“.

Die dritte sagt mir, dass das Open Flair Festival 2011 elf Wochen vor Beginn ausverkauft war. „Sensationeller Rekord“. Beim Open Flair in Eschwege war ich 2009. Mein erstes Festival. Mit Peter Fox, Olli Schulz und der Mediengruppe Telekommander. Ich werde nostalgisch.

Die letzten drei Einträge auf meiner Pinnwand: Lea (VZ-Moderatorin) gratuliert mir mit dem selben Text zum Geburtstag 2012, 2013 und 2014. Ich frage mich, was Lea an meinem Geburtstag in diesem Jahr gemacht hat. In vier Tagen hat Sebastian Geburtstag. Das weiß ich auch von Facebook. In 14 Tagen Alexander. Wer war noch mal Alexander? Ach ja, der Ex-Freund der Ex-Kommilitonin einer meiner besten Freundinnen aus meiner Ex-Studentenstadt. Wann haben die sich noch mal getrennt? Auch im Sommer 2011?

Gruppen waren im StudiVZ eine große Nummer, daran erinnere ich mich genau. Was in den Gruppen passierte, war ziemlich egal. Aber die Auflistung unter dem Profil sagte viel - wenn nicht alles - über die Person. „Brot kann schimmeln - und was kannst du?“ Das heißt übersetzt: Der Typ ist wahrscheinlich ein arroganter Besserwisser. Ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm bedeutet: Wir könnten Freunde werden, auch im echten Leben.

Hintergrund: Die Geschichte von StudiVZ

StudiVZ  wurde am 11. November 2005 von Ehssan Dariani und Dennis Bemmann gegründet - als deutsches Pendant zu Facebook.  2007 folgte SchülerVZ, 2008 MeinVZ. StudiVZ, MeinVZ und SchülerVZ hatten im Jahr 2010 rund 16 Millionen Nutzer. Bei Facebook waren zu der Zeit in Deutschland nur elf Millionen. (Eine Übersicht finden Sie hier.)

SchülerVZ wurde am 30. April 2013 geschlossen. StudiVZ und MeinVZ gibt es immer noch. Trotz der Trennung in Studenten und Nicht-Studenten sind die Netzwerke verknüpft. Besonders erfolgreich sind sie nicht mehr, wie diese Top 20 zeigen.

 

Ein Blick in meine Gruppen im Jahr 2015 beweist: Es gibt offenbar wirklich noch Menschen bei StudiVZ! Der neueste Beitrag in „OH! Eine Sarkasmus-Gruppe – wie nützlich“ datiert vom 10. November 2015 um 19.25 Uhr. „Nein, ein Volontariat ist kein Praktikum!“ wurde immerhin am 9. März 2015 aktualisiert. Und ich habe tatsächlich mal selbst eine Gruppe gegründet. „Fleischfressende Pflanzen sind die besseren Haustiere!“ Na? Ist das nichts? Im Februar 2015 soll es den jüngsten Eintrag gegeben haben - allein, ich finde ihn nicht. Meine fleischfressende Pflanze hieß übrigens (ich bitte dafür um Entschuldigung) Audrey und verdurstete während eines Praktikums in Berlin auf meinem Balkon in Münster. R.I.P.

Die gute Nachricht fast zum Schluss: Niemand hat mich gegruschelt. Ich weiß noch, dass Gruscheln manchen vor zehn Jahren ziemlich wichtig war. Ich fand damals schon: Wer mir nichts zu sagen oder zu schreiben hat, hat meine Aufmerksamkeit auch nicht verdient. Mir war Gruscheln als Studentin suspekt, heute kommt es mir schon fast obszön vor.

Dafür habe ich aber eine Anfrage: „Karsten hat dich in die Gruppe ‚StudiVZ/MeinVZ Rettungsgruppe. Wer ist noch hier?’ eingeladen“. Lieber Karsten, ich nicht. Das hast du wahrscheinlich schon gemerkt.

Wann Karsten StudiVZ retten wollte, weiß ich nicht. Mich umfängt die dunkle Ahnung, dass mich dieser Hilferuf zu spät erreicht.

 

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erstellt am 11.Nov.2015 | 14:10 Uhr

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