zur Navigation springen

Nagars Netzwelt : Wenn sich das Internet überlistet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn es um Fischbrötchen-Texte geht, sollten Norddeutsche lieber zur Liste als zum Epos greifen, meint unsere Kolumnistin Mira Nagar.

von
erstellt am 25.Apr.2014 | 13:56 Uhr

Das Internet liebt Kürze. Ein Tweet kommt mit 140 Zeichen aus, sehr viele Youtube-Videos bleiben unter vier Minuten. Auch geschriebene Informationshappen werden kürzer. Im Netz fluten immer mehr Listen durch die Unterhaltungs-Ressorts der Nachrichtenseiten. „Listicles“ sind so etwas wie vertikale Bilderstrecken, ein Trend, der durch das höchst erfolgreiche Buzzfeed angekurbelt wurde. Und das US-Portal listet alles auf. „Die 29 süßesten Momente aus Nordamerikas erstem Katzencafé“ oder „51 historische Fakten, die wie eine große Lüge klingen, aber tatsächlich wahr sind“. Zugegeben, bei den ausufernden Titeln stimmt die These der Kürze wiederum nicht. Viel länger als der Titel werden aber die einzelnen Listen-Einträge meist nicht, was wohl auch den Erfolg der Beiträge ausmacht. Es wird leicht, aus dem „Text“ auszusteigen, jeder kann selbst entscheiden, ob er genug englischsprachigen Fäkalhumor aufbringt, um die Liste der „24 eher unglücklichen Ikea-Produktnamen“ bis zum Ende durchzuhalten.

Störrisch hält Zeit-Online dagegen. Man kann sich nach wie vor epische Abhandlungen durchlesen. Gut bei Hintergründen zu Kultur oder Politik. Ein wenig skurril beim Thema Fischbrötchen. Wo der klischeehafte Norddeutsche seinen „fülligen Körper in friesisches Blau-Weiß“ kleidet, „mit Schürze, Schippermütze und Oberlippenbart“.

Beim Fischbrötchen-Epos gelingt das Aussteigen nur schlecht. Der Witz ist – dem Medium geschuldet – natürlich ungleich subtiler und in den Zwischentönen leicht überheblich. Doch wenn man sich durch die zwei langen Seiten voller atmosphärischer Adjektive gearbeitet hat, beschleicht einen die leise Idee, dass die Autorin ihre eigentliche Aussage, nämlich warum sie Ostholstein piefig findet, auch in ein Listicle hätte packen können. „16 Gründe warum die Norddeutschen zu ihren pappigen Schrippen passen“, würde das bei der US-Seite Buzzfeed wohl heißen. Oder besser: 17 Gründe. Es fehlte noch: Mangelnde Selbstironie beim Lesen von Lästereien über Ostholstein.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen