Soziale Netzwerke und Communities : Wenn Kinder online Kinder gefährden

Kinder nutzen immer früher digitale Medien. Die Nutzung sozialer Netzwerke beginnt heute bereits mit zehn bis elf Jahren.
Kinder nutzen immer früher digitale Medien. Die Nutzung sozialer Netzwerke beginnt heute bereits mit zehn bis elf Jahren.

Bereits Kinder können im Internet leicht auf Texte und Bilder stoßen, in denen Magersucht, Suizid oder Selbstverletzungen verherrlicht werden – zum Teil von Gleichaltrigen.

shz.de von
22. Mai 2015, 06:00 Uhr

Berlin | Emma ist erst zehn Jahre alt und berichtet von sieben Suizidversuchen. Ein anderes Mädchen, das sich „Proanaskinnygirl“ nennt, will so dürr wie möglich werden und eine dritte Nutzerin fügt sich immer wieder selbst Schmerzen zu, indem sie sich ritzt. So unterschiedlich ihre Probleme auch sind, eines haben alle drei gemeinsam: Sie lassen viele andere Kinder und Jugendliche in Sozialen Netzwerken und in Internet-Communitys daran teilhaben.

Suizidgedanken, Berichte über Selbstverletzungen und Essstörungen sind in diesen Medien keine Seltenheit. Experten von jugendschutz.net haben allein im Februar und März 2015 in sieben bei Jugendlichen beliebten Social-Web-Diensten und zwei Kinder-Communitys fast 450 entsprechende Beiträge gefunden, die gegen den Jugendschutz verstoßen. Neu sei die Erkenntnis, dass auch schon Seiten für Kinder betroffen sind, heißt es in einer vor Kurzem in Berlin vorgestellten Untersuchung, die das Schwerpunktthema des Jahresberichts von jugendschutz.net ist.

90 Prozent der problematischen Beiträge stammten von Mädchen mit einem Durchschnittsalter von 15 Jahren. Die jüngsten Autorinnen waren erst neun Jahre alt. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) sehe diese Entwicklung mit großer Besorgnis, sagte der Vorsitzende Siegfried Schneider. „Wenn Kinder und Jugendliche Web-Dienste nutzen, müssen deren Betreiber auch dafür sorgen, dass sie dort sicher sind“, fordert er. „Wir müssen auf die Tatsache, dass immer jüngere Kinder das Internet nutzen, reagieren, um sie vor für sie gefährlichen Inhalten zu schützen“, sagt die rheinland-pfälzische Staatssekretärin im Jugendministerium, Margit Gottstein. Ihr Haus vertritt die Jugendpolitik der Länder. So könnten Eltern etwa durch das Installieren entsprechender Schutzprogramme beeinflussen, welche Inhalte ihren Kindern im Netz zugänglich sind.

Doch ein Schutz ist aus Sicht von Experten schwierig. „Seiten zur Magersucht beispielsweise lassen sich noch verbieten, Soziale Netzwerke wie Facebook aber nicht“, sagte Katharina Avemann vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen. Außerdem erschwere die Tatsache, dass Kinder zunehmend Smartphones statt Computer nutzen, die Kontrolle, etwa durch die Eltern.

Laut einer Bitkom-Studie beginnt die Nutzung Sozialer Netzwerke heute bereits mit zehn bis elf Jahren. Mit zwölf Jahren nutzt die große Mehrheit der Jugendlichen (85 Prozent) ein Smartphone.  Avemann sieht Dienste wie WhatsApp kritisch. „Während früher die heimische Waage zur Gewichtskontrolle diente, tun dies heute zunehmend auch Soziale Netzwerke. Sie sind eine Plattform, um sich zu vergleichen, zu kontrollieren und profilieren“, sagt sie.

Laut Studie fördern viele Beiträge das Nachahmen und Mitmachen. Nach den Recherchen der Jugendschützer wurden auf der Foto-Plattform Instagram Abnehmpartner gesucht. Zudem riefen Jugendliche zur Gründung von WhatsApp-Gruppen auf, in denen Nutzer ihre Körpermaße oder Berichte über das Essverhalten veröffentlichen sollen.

Ohnehin gefährdete Kinder und Jugendliche, die auf solche Inhalte stoßen, fühlen sich demnach oftmals verstanden und ermutigt, weiter an ihrem Verhalten festzuhalten.

Die Reaktionen auf die Kritik ist aus Sicht der Jugendschützer unzureichend. Nur 42 Prozent der kritischen Inhalte seien nach Hinweisen von jugendschutz.net innerhalb von zwei Wochen entfernt worden. Deutsche Anbieter reagierten häufiger als ausländische. Letztere unterliegen laut Schneider in der Regel nicht den gesetzlichen Regelungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages. „Angesichts der Tatsache, dass die bei Kindern und Jugendlichen beliebtesten Plattformen in diese Kategorie fallen, müsste man darüber nachdenken, Regelungen auch auf europäischer Ebene zu schaffen“, sagt er.

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