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Tracking-Apps : Wenn Eltern ihre Kinder an die digitalen Leine nehmen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit Hilfe verschiedener Apps können Eltern das Handy ihrer Kinder überwachen und sogar zu orten – ohne deren Wissen.

von
erstellt am 27.Okt.2015 | 13:07 Uhr

Berlin | Den Schulweg verfolgen, Facebook-Freundschaften und Instagram-Bilder durchstöbern oder das Handy aus der Ferne für andere Funktionen sperren, bis die Tochter zurückruft: Mit Hilfe diverser Apps können Eltern ihren Nachwuchs überwachen. Der US-Anbieter „Qustodio“ etwa wirbt unverblümt: „Der einfachste Weg, Ihre Kinder online zu kontrollieren“. Im Angebot: Ortung, Überwachung sozialer Netzwerke, Sperren unerwünschter Kontakte. Der „Unsichtbar-Modus“ sorge dafür, dass das Kind die Kontrolle gar nicht mitbekomme.

„Ich halte das für einen vollkommen falschen Weg“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. „Alle in Deutschland haben mit Betroffenheit erlebt, wie uns die NSA überwacht. Niemand will das. Ich kann nicht nachvollziehen, warum wir das bei unseren eigenen Kindern machen, nur weil sie Kinder sind.“ Nach Ansicht von Becker gefährden die Apps den Persönlichkeitsschutz und die Entwicklung der Jungen und Mädchen, die ihren Freiraum brauchen. „Ein Kind, das ständig überwacht wird, muss denken, dass man ihm nicht vertraut und ihm nichts zutraut.“

Anders sieht es Ralf Kiene. Der zweifache Vater aus Saarbrücken hat 2010 die „iNanny“ entwickelt, eine GPS-Funktion, mit der Menschen geortet und Bewegungsabläufe verfolgt werden können. „Eltern, die ihren Kindern hinterherschnüffeln – und die gibt es ja auch –, finden immer Mittel und Wege.“ 50  000 „Nannies“ seien in Deutschland im Einsatz, für Demenzkranke, Familienmitglieder und ja, auch für Kinder.

Der Markt ist vielfältig: „Wo ist Lilly?“ war ursprünglich auf GPS-Sender für Hunde und Katzen spezialisiert. Doch längst hat die Berliner Firma bunte GPS-Kinderuhren im Angebot. Per dazugehöriger App können diese lokalisiert werden. Ein „Geo-Zaun“ ermöglicht die Markierung eines Bewegungsfelds. „Wenn das Kind sich aus diesem Radius entfernt, erhalten Sie eine Meldung darüber“, heißt es auf der Homepage. Die Nutzer sind begeistert: „Der Weg von der Schule nach Hause ist nun kein Problem mehr. Eine kurze Ortung und man weiß Bescheid“, schreibt eine Mutter.

Die gesamte Entwicklung sei kritisch, sagt Becker von der Kinderhilfe. „Das ist ein Geschäft mit dem schlechten Gewissen der Eltern. Eltern, die ihre Kinder begleiten – und ich meine nicht kontrollieren –, die bekommen in der Regel mit, wenn sich etwas verändert oder nicht in Ordnung ist.“

 

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