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Illegale Musikdownloads : Wenn ein Song 3000 Euro kostet

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Viele Internet-Nutzer laden sich ihre Musik nach wie vor in so genannten "Tauschbörsen" im Web herunter - kostenlos, aber illegal. Das kann ganz schön teuer werden.

shz.de von
erstellt am 19.Mär.2010 | 07:23 Uhr

"BearShare", "eMule", "KaZaA", "Soulseek", "LimeWire", "FrostWire" und Co. - eigentlich kennt heutzutage jeder jemanden, der es selbst tut oder getan hat, oder der auch jemanden kennt, der es ausprobiert hat. Im Zweifel war man selbst schon einmal "Musik-Pirat" und hat illegal im Internet Songs aus einer "Musik-Tauschbörse" heruntergeladen. Das Ganze ist unkompliziert und völlig kostenlos - aber nicht unbedingt legal. Zwar teilt der Tausch-Dienst "BearShare", für viele Musik-Piraten eine der ersten Adressen für das Herunterladen von Songs im Internet, in seinen "Häufig gestellten Fragen" wortwörtlich mit: "Der BearShare-Service ist zu 100 Prozent legal." Und es ist in der Tat an sich auch kein Problem, über diese Web-Dienste Dateien anzubieten und mit anderen Internet-Usern zu teilen. Tatsache ist aber, dass über diese Portale täglich Millionen urheberrechtlich geschützte Songs und Videoclips getauscht werden - ohne dass irgendjemand für die Inhalte bezahlt.
Der Schaden für die Musik-Industrie ist immens
Die Musikindustrie nimmt durch Musik-Piraterie seit Jahren großen Schaden: In Deutschland gibt einer Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos von September 2009 zufolge jeder zehnte Befragte (elf Prozent) zu, regelmäßig illegal Musik im Web herunterzuladen. Rund sieben Millionen Tauschbörsen-Nutzer soll es allein in Deutschland geben. Der Umsatzverlust der deutschen Musikindustrie durch das Herunterladen von Musik, Filmen, Büchern und anderer Software mittels Internet-Tauschbörsen beläuft sich Schätzungen zufolge auf einen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr. Laut Stefan Michalk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, der deutschlandweit rund 350 Plattenlabel vertritt, sind Online-Piraterie und Raubkopien seit der Jahrtausendwende maßgeblich für den Verlust von rund einem Drittel der Umsätze und auch Arbeitsplätze in der Musikindustrie verantwortlich.
Ein Blick in den Jahresbericht des Bundesverbandes der Musikindustrie für das Jahr 2008 zeigt: 2008 wurden in Deutschland über 300 Millionen Songs illegal aus dem Internet heruntergeladen - acht Mal mehr, als legal verkauft wurden, was massive Einbußen der Einnahmen zur Folge hat. Für Anbieter von Internetzugängen wie beispielsweise Telekom, Alice, 1&1 oder Vodafone hingegen sind illegale Musik-Downloads ein einträgliches Geschäft: Schätzungen zufolge entfallen 30 bis 70 Prozent der privaten Internetnutzung auf den meist illegalen Tauschbörsenverkehr und fördern so den Verkauf von DSL-Leitungen, heißt es im Jahresbericht.
Bei aktuellen Hits aus den Charts sollte man skeptisch werden
"Tauschbörsen an sich sind nicht illegal", erklärt die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. "Grundsätzlich ist es erlaubt, Lieder für den privaten Gebrauch herunterzuladen. Doch gilt dies nur, wenn die Songs nicht aus offensichtlich rechtswidrigen Quellen stammen", sagt deren Sprecher Thomas Hagen. Das heißt: Nutzer dürfen Musik weder zum Download anbieten noch selber herunterladen, wenn diese urheberrechtlich geschützt ist. "Werden beispielsweise die aktuellen Hits aus den Charts kostenlos angeboten, sollte sicherheitshalber auf den Download verzichtet werden", so Hagen.
Wer illegal Musik lädt, kann seit 2008 noch schneller identifiziert werden
Den Trend zum illegalen Download im Internet lässt sich die Musikindustrie längst nicht mehr gefallen: Sie schlägt zurück und schickt ihre Anwälte auf die Jagd nach den Musik-Dieben. Bis zu 3000 Euro können dann fällig werden - pro Lied.
Seit September 2008 existiert zudem das "Gesetz zur Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums", das die Verfolgung von Musik-Piraten vereinfacht: Es legt einen Auskunftsanspruch der Staatsanwaltschaft nicht nur bei strafrechtlichen Verfolgungen illegaler Musik-Downloads, sondern auch bei zivilrechtlichen Verfahren fest. Internet-Provider und Telefongesellschaften können nun aufgefordert werden, die zu einer IP-Adresse gehörigen Daten - wie etwa die Anschrift eines Kunden - an Dritte herauszugeben, ohne dass über die Staatsanwaltschaft ein strafrechtliches Verfahren laufen muss. Bislang konnten die Inhaber von Musik-Rechten nur so die Herausgabe der Daten erwirken.
40.000 Strafanzeigen im Jahr 2007 - von einer Anwaltskanzlei
Dennoch blocken Staatsanwaltschaften die Verfahren oftmals ab - zum einen, weil sie in vielen Fällen illegaler Musik-Downloads von "Bagatell-Kriminalität" sprechen und so genannte "Bagatell-Grenzen" setzen. Und, weil sie die Verfolgung der Musik-Piraterie sowie die geforderten Strafen oft als "unverhältnismäßig" bewerten. Die Erfragung von an IP-Adressen gekoppelte Nutzerdaten kostet die Justiz bei 30 bis 50 Euro pro Anfrage viel Geld (2007 hat beispielsweise die Kanzlei Rasch aus Hamburg 40.000 Strafanzeigen im Auftrag des Bundesverbandes der Musikindustrie versandt) - Ausgaben, die oft als unnötig angesehen werden: Die meisten Verfahren werden eingestellt, weil nicht ermittelt werden kann, wer genau in einem Haushalt illegal Musik geladen hat. Außerdem betrachten einige Staatsanwälte die Masse an Verfahren sogar als eine neue Einnahmequelle der Musikindustrie.
Illegale Musik-Downloads - eine neue Einnahmequelle von Kriminellen
Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein warnt zwar einerseits davor, auf Schadenersatzforderungen, die im Postkasten landen, gar nicht zu reagieren. "Das kann schnell ins Auge gehen", sagt Thomas Hagen. Gleichzeitig rät sie aber eindringlich davon ab, unbekümmert zu zahlen. Denn: Auch "Verbrecher" sind laut Thomas Hagen vermehrt aktiv, um unbescholtenen Verbrauchern das Geld aus der Tasche zu ziehen. "Sie versenden ,gefakte’ Forderungen, die der Durchschnittsverbraucher gar nicht als gefälscht identifizieren kann", so Hagen. Die Betrüger gehen laut Hagen folgendermaßen vor: Sie beschaffen sich die Anschrift irgendeines Verbrauchers - bevorzugt die von Jugendlichen - und versenden Schadenersatzforderungen aufgrund illegal geladener Musik, die der Betroffene zu per Überweisung zu zahlen hat. "Wenn der Betroffene natürlich gar keinen Computer hat, weiß er, dass er die Forderung gar nicht begleichen muss. Da aber die Wahrscheinlichkeit heutzutage hoch ist, dass es in dem Haushalt einen Computer gibt, zahlen die Eltern oftmals einfach, weil sie verunsichert sind. Für die Verbrecher ist es sozusagen herrlich einfach."
Mit sofortigem Rechtsbeistand auf der sicheren Seite
Selbst, wenn man als identifizierter "Musik-Pirat" eine Strafe im Grunde verdient hat und eine Forderung erhält, die an sich berechtigt ist und von einem "echten" Anwalt stammt, sollte man aufpassen, was einem da in den Briefkasten flattert. Längst nicht alle Zahlungsaufforderungen sind - aufgrund mehrerer Aspekte - einwandfrei, oft sollte man Widerspruch einlegen. Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein spricht in Bezug auf die Verfolgung illegaler Musik-Downloads von "bisweilen unberechtigten Forderungen" und rät deshalb, juristischen Expertenrat einzuholen - am besten von einem auf das Urheberrecht spezialisierten Anwalt - wenn eine Abmahnung zugestellt wird. Die meist eingeforderte Unterlassungserklärung sollte nicht sofort abgegeben, sondern eine "Fristverlängerung" beantragt werden.
Schnell sollte man auch klären, ob die Rechtsschutzversicherung die Kosten eines eventuellen Rechtsstreits übernimmt. Weiter weist die Verbraucherzentrale darauf hin, dass die Schadenersatzforderungen sowie die zusätzlich anfallenden Kosten des gegnerischen Anwalts oftmals schlicht zu hoch sind. "Die Höhe der Kosten hängt davon ab, wie viele Musikstücke illegal zum Download angeboten oder heruntergeladen wurden. Bei Bagatellverstößen hat der Gesetzgeber vorgesehen, die gegnerischen Anwaltsgebühren für eine Abmahnung auf 100 Euro zu begrenzen", weiß Thomas Hagen.
Im Zweifel bringt ein Anruf bei der Verbraucherzentrale Licht ins Dunkel
Also egal, ob man hinter einer Schadenersatzforderung kriminelle Machenschaften vermutet oder das Schreiben tatsächlich für echt befindet: "Man kann den Verbrauchern nur davon abraten, sofort zu zahlen. Sie sollten sich sofort Rechtsbeistand holen, oder sich zumindest einmal mit der Verbraucherzentrale in Verbindung setzen, bevor sie zahlen", so Hagen. Die Verunsicherung vieler Verbraucher kann er gut nachvollziehen: "Die Lage ist für sie im Moment noch recht undurchsichtig. Es fehlt auf diesem Gebiet an Aufklärung seitens des Gesetzgebers. Der Verbraucher weiß oft nicht, wie er sich verhalten soll, und zahlt einfach."
Fest steht: Egal, ob es 300, 800 oder mehrere 1000 Euro Strafe sind - es ist ganz schön viel Geld für einen einzigen Song, den man auf Internetseiten wie "musicload.de" oder "iTunes.de" nicht selten bereits für 79 Cent erwerben kann - ganz legal.

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