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Christiansens Netzwelt : Wenn Algorithmen zu leichtgläubig sind

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fake News, Safety Check – zwei Begriffe mit Konfliktpotenzial. Ein aktueller Fall vereint beide.

von
erstellt am 29.Dez.2016 | 18:24 Uhr

„Explosion“ in Bangkok, von „zahlreichen Quellen“ bestätigt – Facebook macht, was dem sozialen Netzwerk richtig erscheint: Es aktiviert für die Region den Safety Check. Nutzer können darüber ihren Freunden mitteilen, dass sie in Sicherheit sind. Dass zumindest eine der Quellen, aufgrund derer Facebooks Algorithmen ihre Entscheidung trafen, als Produzent von Fake News bekannt ist, fiel blöderweise erst später auf. Die Seite „Bangkok Informers“ hatte eine alte Meldung aus dem August 2015 erneut in Umlauf gebracht.

 

Hier beißen ausgerechnet gleich zwei Dinge, für die das soziale Netzwerk seit Langem in der Kritik steht, Facebook nun in den Schwanz: Fake News und der Safety Check. Den Safety Check haben Kritiker nicht erst seit dem Anschlag in Berlin auf dem Kieker. Zu früh betitelte der Algorithmus die Ereignisse auf dem Weihnachtsmarkt als Anschlag. Im März dieses Jahres führte eine Softwarepanne dazu, dass weltweit Nutzer aufgefordert wurden, sich als „in Sicherheit“ zu markieren. Anlass: Ein Selbstmordanschlag in Pakistan. Zwei von einigen Fehlschlägen der Funktion.

In Sachen Fake News stehen die sozialen Medien sowieso unter Beschuss. Unter anderem heißt es, Falschmeldungen via Facebook hätten die US-Wahl beeinflusst. Das Netzwerk hat angekündigt, gegen Falschmeldungen vorzugehen. Ob diese Maßnahmen fruchten, ist zu bezweifeln.

Was häufig vergessen wird: Facebook ist nicht deshalb eine der größten Fake-News-Schleudern, weil es ein Netz des Bösen ist. Sondern deshalb, weil es besonders einfach ist, besonders schnell besonders viele Menschen zu erreichen. Pro Tag nutzen weltweit 1,18 Milliarden Menschen das Netzwerk. Von ihnen kommen nicht nur Hass und Lügen – sie geben Lebenszeichen, schreiben ermutigende Worte nach schlimmen Ereignissen, sie mahnen, nicht in Panik zu verfallen und keine Gerüchte in die Welt zu setzen, und sie liefern Informationen – die es zu verifizieren gilt.

Denn klar ist, dass Falschmeldungen Schaden anrichten können – im Kleinen wie im Großen. So wie im Nahen Osten. Der israelische Verteidigungsminister soll mit einem Atomwaffenangriff gedroht haben, sollte Pakistan Truppen zur Unterstützung der Terrororganisation IS nach Syrien zu schicken. Der pakistanische Verteidigungsminister drohte mit einem Atomschlag zurück. Die Zutaten für einen Nuklearkrieg waren vollständig. Als bekannt wurde, dass das Zitat gefälscht war, glätteten sich die Wogen ein wenig. Das Fatale: Es muss nur der Falsche zur falschen Zeit das Falsche glauben, und das Desaster ist perfekt. Und der Fall Bangkok zeigt, wie schwer es ist, Falsches im automatisierten und schnellebigen Internet zu enttarnen, und wie leicht dies misslingen kann.

Dass zumindest Nutzer in Deutschland das Netzwerk – auch anonym – mit so vielen Inhalten füllen können, ist bei allen Gefahren eigentlich ein gutes Zeichen – denn das zeigt, dass wir hierzulande in einer Gesellschaft leben, in der Zensur noch nicht vorherrschend ist. Und da gehören Fake News leider zum Alltag.

>>> So funktioniert der Safety Check (Facebook-Konto erforderlich).

>>> So enttarnen Nutzer Fake News.

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