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Dreyklufts Netzwelt : Warum das Internet uns schlau macht (trotz „digitaler Demenz“)

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Ein Wikipedia-Kunstprojekt in Berlin symbolisiert, wie uns Maschinenstürmer dumm halten wollen.

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erstellt am 31.Mai.2016 | 16:45 Uhr

Letztens wühlte ich in einem unausgepackten Umzugskarton und fand eine DVD. „Wikipedia 09/2004” stand dort. Seltsam anachronstisch fand ich das. Das Internet, quasi eingefroren (und hier tatsächlich noch verfügbar).

Oder 1978, als ich, gerade auf das Gymnasium gekommen, stolzer Besitzer eines 20-bändigen DTV-Lexikons wurde (gibt es heute bei Ebay umsonst). Damals war das Stand der Technik. Schlecht, aber es gab nichts Besseres. Leider begegne ich heute zu oft Menschen, die sich danach zurücksehnen. Nach 2004, oder gar 1978.

Noch bis zum morgigen Mittwoch zeigt ein Künstler in Berlin, wie anachronistisch es ist, Wissen auf Papier zu drucken. „Print Wikipedia: From Aachen to Zylinderpresse“, heißt das Projekt, das vor Ort in der Keithstraße 10 in der Nähe vom Wittenbergplatz zu bewundern ist – und natürlich im Internet.

So meldet die Software, die das Wikipedia-Wissen zu etwas Druckbarem umwandelt, jeden neuen Band per Twitter (@PrintWikipedia). Während ich diese Zeilen schreibe, ist sie gerade bei Band 491 „Chepesch - Chevrolet Deluxe“.  3406 Bände sollen es werden, einige hundert werden tatsächlich gedruckt, die anderen sollen als Fototapete im Ausstellungsraum die Menge an Informationen symbolisieren, die alleine in der deutschsprachigen Wikipedia stecken.

Ich finde, dieses Projekt hat eine enorme Symbolkraft. Es zeigt vor allem eins: Das Internet  bringt echten Fortschritt. Es sorgt nicht für „digitale Demenz“, wie ein Maschinenstürmer jüngst bei Plasberg zur besten Sendezeit verkünden durfte. Es sorgt für Wissen, für Fortschritt, für Zugang.

Einer der geistigen Väter des auch heute noch in der deutschen Gesellschaft weit verbreiteten Technikskeptizismus, dieser irrationalen Fortschrittsfurcht, ist Neil Postman. Der behauptete 1992, die Gesellschaft werde im „Informationszeitalter“ an „kulturellem Aids“ (damals fast immer eine tödliche Krankheit) zugrunde gehen.

Wir informieren uns in der digitalen Welt nicht zu Tode, wie Postman meinte und viel zu viele heute noch meinen. Wissen wird nicht dadurch zu Wissen, dass es zwischen Bücherdeckeln steckt. Sondern dadurch, dass es verfügbar ist. Wir brauchen das Netz, wie es ist. Offen und frei  für alle. Anachronstische Kulturtechniken mögen uns emotional berühren. Aber sie helfen uns nicht weiter.

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