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IT-Gipfel in Hamburg : Vorbereitung auf die Industrie 4.0

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die digitale Zukunft des Landes im Fokus: Die gesamte deutsche Politprominenz war auf dem 8. Nationalen IT-Gipfel in Hamburg anwesend.

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erstellt am 22.Okt.2014 | 05:30 Uhr

Hamburg | Der digitale Wandel krempelt ganze Märkte um, dessen ist sich Olaf Scholz sicher: „Es ist kulturell vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks und wirtschaftlich mit der Dampfmaschine“, sagte der Hamburger Bürgermeister in seiner Eröffnungsrede auf dem achten Nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung in der Hansestadt. Der digitale Wandel habe für die Wirtschaft und gesellschaftspolitische Prozesse insgesamt eine große Bedeutung. Deshalb habe in den vergangenen Monaten die Debatte um die digitale Zukunft Fahrt aufgenommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Bundesregierung im Sommer die „Digitale Agenda 2014-2017“ ins Leben gerufen habe. Neben Scholz waren am Dienstag außerdem Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Bundesminister für Infrastruktur, Alexander Dobrindt, Innenminister Thomas de Maizière, der über das Thema Sicherheit referierte, sowie der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor Ort. Ihre drei Ressorts leiteten federführend die Agenda.

„Die Herausforderungen sind groß, die Chancen aber auch“, sagte Gabriel. Es sei weder eine starre Agenda, noch wolle die Bundesregierung ein reines Subventionsprogramm bemühen. „Es geht um einen ständigen Dialog“, insistierte der Vizekanzler. Hierbei müssten sämtliche gesellschaftlichen Institutionen, von der Zivilgesellschaft bis zur Industrie, an einen Tisch gesetzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit unter neuen Vorzeichen zu sichern. „Es wird eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt, vor der man keine Angst haben muss.“ Bis zum Jahr 2017 werde die Bundesregierung fast eine halbe Milliarde Euro an Fördermitteln für die Digitalwirtschaft bereitstellen.

Im Vordergrund stehen das Zukunftsprojekt „Smart Service Welt“, das mit 50 Millionen gefördert werde. Hierbei werden Produkte mit physischen und digitalen Dienstleistungen kombiniert und dem einzelnen Konsumenten bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt. Unter dem Stichwort Industrie 4.0 will die Bundesregierung mit der starken deutschen Industrie als Kernkompetenz die Weiterentwicklung forcieren. Auch, um sich vom digitalen Schwergewicht USA abzuheben.

Im Hamburger Hafen werden schon sogenannte intelligente Lösungen an der Schnittstelle zwischen Industrie und Digitalisierung eingesetzt. Kanzlerin Angela Merkel schaute bei ihrem Besuch gebannt zu, als der Chef der Hamburg Port Authority, Jens Meier, ihr auf einem Miniaturmodell aus Holz und Plastik die neue Hafenlogistik „Smartport“ vorstellte. Hierbei werden verschiedene Parameter, wie Brückenhöhen oder der Wasserstand, elektronisch eingespeist. Die gesamte logistische Kette, von den Schiffen bis zum Abtransport per Lkw oder Eisenbahnverkehr, sind in die digitale Vernetzung eingebunden.

In ihrer Rede forderte sie anschließend, Deutschland müsse mit seinem IT-Potenzial „an die Weltmärkte gehen“, um „am Wohlstand der Zukunft“ zu partizipieren. Doch ginge es um „Maß und Mitte“, stellte Merkel klar und bestand drauf, die volle Regulierungslosigkeit den Gesetzmäßigkeiten der Sozialen Marktwirtschaft unterzuordnen. Die Kanzlerin streifte kundig die Themenfelder Netzneutralität, Big Data und den Ausbau des Datennetzes. Auch die Bedingungen für Start-ups sollen verbessert werden. Merkel versprach hierfür zusätzliche Förderprogramme und Steuerfreiheit. Gleichzeitig forderte sie die Wirtschaft auf, selbst ein Wagnis einzugehen. Es könne sein, dass die staatlichen Anreize nicht ausreichen, um das herzustellen, was man beispielsweise in den USA sehen könne. „Auch im Silicon Valley geht es ohne Risiko nicht“, sagte Merkel über die Hochburg der Internetszene in den USA.

„Unser Ziel muss es sein, etablierte Unternehmer, Start-ups und IT an einen Tisch zu bringen“, betonte der Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITCOM), Dieter Kempf. Man wolle die Börsengänge junger Unternehmen unterstützen. So würden im US-amerikanischen Silicon Valley 15 Milliarden Euro jährlich an Venture-Capital investiert, in Deutschland passiere dies noch in homöopathischen Dosen, mahnte auch Gabriel an. Noch am Vortag hatten junge digitale Unternehmer auf dem Young IT Day den IT-Gipfel in der Hansestadt unter dem Motto „Young IT meets Industry“ eingeleitet.

Die Hansestadt wurde nicht zufällig als Austragungsort gewählt. In der Elbmetropole generieren jetzt schon knapp 50.000 Erwerbstätige in über 9700 IT-Unternehmen jährlich eine Bruttowertschöpfung von 4,33 Milliarden Euro. Hamburg gehört auch seit Jahren zu den Gründungshochburgen Deutschlands und ist nach Berlin das Bundesland mit der zweithöchsten Gründerquote. Die IT-Branche ist hierfür wesentlich mitverantwortlich. Sie verzeichnet etwa 1000 Gewerbeanmeldungen pro Jahr. Nächstes Jahr wird der IT-Gipfel in der Bundeshauptstadt stattfinden.

Wie geht es der IT-Branche?

Geht es nach der Anzahl der Arbeitsplätze, steht die Branche gut da. 953000 Menschen in Deutschland werden bis zum Jahresende in der IT arbeiten, schätzt der Branchenverband Bitkom. „Das ist ein Rekordhoch“, sagte der Bitkom-Vorsitzende Dieter Kempf. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt allerdings, dass einige Jobs schlecht bezahlt seien.

Welche Ziele verfolgt die Bundesregierung?

Die Bundesregierung will die Digitalwirtschaft auf mehreren Wegen fördern. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will auch die traditionell starken Industriezweige dabei einbeziehen. Gemeint sind vor allem die deutschen „Kernkompetenzen“ wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Automobilbau. Bis 2017 fördert sein Ministerium die Digitalwirtschaft mit knapp einer halben Milliarde Euro.

Wo liegt Deutschland im internationalen Vergleich?

„Wir stehen im oberen Spitzenfeld“, ist Wirtschaftsminister Gabriel überzeugt. Dennoch schwebte über dem Gipfel das ungute Gefühl, der digitalen Revolution allzu oft hinterherzulaufen. Die Politiker warben darum, dass sich Firmen im Bereich „Big Data“ engagieren, also bei der Auswertung großer Datenmengen. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Veredlung von Daten auch in Europa stattfindet“, sagte Infrastrukturminister Alexander Dobrindt (CSU).

 

Zwischen Wagnis und Bewahrtem – ein Kommentar von Martin Sonnleitner

Zumindest verbal haben die politischen Spitzenkräfte eingesehen, dass die epochalen Herausforderungen, die der digitale Wandel mit sich bringt, mehr brauchen, als Risikokapital für Start-ups zu generieren oder die nächste App zu entwickeln, um eine höhere Rendite zu erzielen. Sie müssen mit sämtlichen Lebenswelten rückgekoppelt werden.

Die Politik müsse sich anstrengen, um Schritt zu halten, warnte Bürgermeister Scholz und forderte hierfür einen geeigneten gesellschaftlichen und politischen Rahmen. Warnendes Beispiel sind dem Bürgermeister die darbenden Hamburger Verlage, die gerade die schmerzhafte Transformation zur Digitalisierung durchmachen. Eine Dominanz von Technikfirmen, denen Inhalt als Instrument demokratischer Aufklärung meist schnuppe ist, dürfe es bei aller Konvergenz nicht geben. Scholz mahnte an, den „Wert des Contents“ aufrechtzuerhalten.

Doch der Souverän will auch handeln. So wird zwischen Bund und Ländern gerade eine digitale Medienordnung verhandelt. Das Ganze könnte als Blaupause für andere Felder dienen, in denen Bits und Bytes das analoge Leben ablösen. Statt dem radikalen Weg der auf diesem Feld dominanten USA zu folgen, plädierte auch Wirtschaftsminister Gabriel dafür, die Old- nicht gegen die New Economy auszuspielen, er redete von Next Economy. Auch die Kanzlerin mahnte, Regulierung dürfe den digitalen Fortschritt zwar nicht behindern, dennoch müsse die Soziale Marktwirtschaft in die neue Zeit rübergerettet werden.

Lange Zeit schien es, die Politik habe sich dem Primat der Technik unterworfen. Es ist auch ein Zeichen fein austarierter Regierungspolitik, dass Fortschritt und Bewahren kein Widerspruch scheinen.

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