zur Navigation springen

Nagars Netzwelt : Von Toast und Stinkefüßen

vom

Splee24 ist ein erfrischender Kontrapunkt zu der großen bunten Facebook-Show, meint Kolumnistin Mira Nagar zur Europawahl.

"Wenn ich einen Toast esse, dann esse ich immer zuerst alle vier Ecken, dann die Zacken des entstandenen Kreuzes und zuletzt die Mitte." Es sind die kleinen Marotten, die manche Menschen liebenswürdig machen. Und andere unerträglich. Für die Macher des Tumblr-Microblogs "Spleen24" war das Anlass,  kurze Geständnisse der eigenen Unperfektion zu sammeln.

Anonym schicken Nutzer aus ganz Deutschland ein, was sie – oft heimlich – für Merkwürdigkeiten ausleben. Auch der Toast-Spleen wurde namenlos eingesandt. Im Tumblr stehen diese Sätze dann in einer langen Perlenkette der Alltags-Ticks. "Ich spreche mit meinem Auto", schreibt ein anderer Nutzer. "Manchmal auch über tiefgründige Themen, ist etwas einseitig aber ich denke, es ist verständnisvoll."

Eine "unsympathische" Zahl auf der Lautstärkeanzeige der Musikanlage oder asymmetrisch angerichtetes Essen bringt laut Spleen24 besonders viele Menschen auf die Palme. Auf der anderen Seite geben mehrere Nutzer an, immer ungerade Zahlen auf dem Wecker einzustellen.

Der Microblog hat dabei nicht nur etwas von einer Selbsthilfegruppe, in der man erfährt, dass auch andere Menschen gern Bettlaken zwischen den Zehen kneten. Er bietet einen erfrischenden Kontrapunkt zu der großen bunten Facebook-Show, wo viele Nutzer ihren Freunden ein Bilderbuch-Leben vorgaukeln. Sei es mit dem strahlend sonnigen Urlaubsbild oder mit der Bemerkung wie einmalig suuupi die Party am Wochenende war.

Stattdessen das: "Werde ich mit den Schuhen anderer Menschen allein gelassen, habe ich oft das Bedürfnis, daran zu riechen. Es ist nicht so, dass ich Schuhe/ Füße besonders toll finde. Eher so, als würde ich ein intimes Geheimnis über die Person erfahren, wenn ich weiß, wie ihre Füße riechen."

Immerhin untermauert die rege Nutzerzahl des Tumblr den anhaltenden Nerd-Trend. Bald könnte es zum guten Ton gehören, seine Marotten auch öffentlich auszutoben. Immerhin kann man für seinen Spleen auf dem Portal sogar Facebook-Likes einheimsen. Doch auch nach längerer Durchsicht habe ich keinen Nutzer bei Spleen24 gefunden, der angibt, dass er seine wahre Persönlichkeit am liebsten anonym im Internet auslebt. Während die Menschen um ihn herum ihn als kantenlosen Glattaal kennen.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Mai.2014 | 04:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen