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nebenan.de : Vom Überleben eines Lokalportals

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kleine Sozialportale habe es gegen Facebook und Co. nicht leicht. Wie sie dennoch Nutzer gewinnen.

Bindabei.de, meinVZ oder stayfriends.de – seit Jahren ploppen immer wieder neue soziale Netzwerke auf, die Kontakte zu Menschen versprechen, die den gleichen Freundeskreis und die gleichen Interessen teilen oder Vorteile bei der Karriere bringen können. Nicht allen gelingt der große Durchbruch nach US-amerikanischem Vorbild. Die Nutzer registrieren sich – das neue Angebot klingt schließlich nach einem echten Mehrwert –, sie geben erste persönliche Daten ins Profil ein und stöbern herum. Nach einer Woche ist der neue digitale Lebensbereich schon wieder vergessen. Ist der Trend längst vorbei?

Eines der Netzwerke, das mit genau dieser Herausforderung zu kämpfen hat, ist nebenan.de. Seit eineinhalb Jahren ist die Plattform des Berliner Start-ups live und will bundesweit echte Nachbarn miteinander vernetzen. Hier ein Hofflohmarkt, da abzugebene Babyklamotten und ganz viel Persönliches. „Man entdeckt ganz unverhofft schöne Dinge“, sagt Ina Brunk. Zum Beispiel, dass der Nachbar zwei Türen weiter sich genauso gerne beim Bogenschießen austobe, wie man selbst, so die Mitgründerin von nebenan.de. „Es ist faszinierend, wie die Leute ihr direktes Umfeld ganz neu entdecken.“

3100 Nachbarschaften mit im Schnitt 200 bis 400 Mitgliedern seien inzwischen bundesweit entstanden, sagt Brunk. Die große Herausforderung: Anders als bei Facebook oder Xing verbinden sich Nutzer bei nebenan.de nicht mit Menschen, mit denen sie an anderer Stelle schon Kontakt hatten, so Brunk. „Wir müssen Menschen zusammenbringen, die sich komplett fremd sind.“ Und ihnen dann zeigen, dass das Angebot für sie relevant ist. Dass das Interesse an solchen sozialen Lokalportalen in den letzten Jahren abgeflaut sei, könne sie nicht erkennen. „Der Anfang ist wichtig und lebt davon, dass man in jeder Nachbarschaft ein paar Leute braucht, die aktiv sind“ – wie in jedem sozialen Projekt. „Jede Community braucht das, auch ein Sportverein.“

So funktioniert nebenan.de

Um Nutzer zu aktivieren, wird das Netzwerk bei jedem Start einer bislang noch nicht eingerichteten Nachbarschaft aktiv: Diejenigen, die sich als erste für ein neues Gebiet anmelden, werden darum gebeten, einen Namensvorschlag für die Nachbarschaft zu machen und zu prüfen, ob die gezogenen Grenzen sinnvoll sind – sie kennen sich vor Ort schließlich am besten aus. Außerdem werden sie aufgerufen, ganz analog ihre Nachbarn ins Netzwerk einzuladen, per Handzettel. Sichert ein Nutzer durch das Klicken auf „Ja“ die „Starthilfe“ zu, kann es losgehen: Es wird ein Textdokument generiert, dass er noch anpassen und selbst in der Nachbarschaft verteilen kann, oder das vonseiten des Unternehmens generiert und in Umlauf gebracht wird. „Dass jeder Nachbar loszieht, ist eher unrealistisch“, weiß Brunk. Außerdem könne man bei einem Nachbarschaftsportal nicht wie bei anderen Netzwerken auf einen viralen Effekt setzen. „Die Freunde, denen man davon erzählt, leben im Zweifel nicht in der direkten Nachbarschaft.“ Durch das Verteilen dieser Zettel könne man zusehen, wie da plötzlich Leben entstehe. So praktisch es auch klingt, das Vorgehen sorgte bereits für Verwirrung.

Nutzer erinnern sich nicht

Der Flensburger Daniel* ist sich sicher, er habe nichts angeklickt „im Sinne von: Werbe andere Nachbarn“. Umso größer die Verwunderung, als ihn ein Freund ansprach: „Ich hatte Post von dir im Briefkasten“, sagte der. Gemeinsam mit einem anderen nebenan.de-Nutzer waren in seiner Nachbarschaft Einladungen verteilt worden. „Ich war ein bisschen verwundert, dass die das so machen“, sagt er. „Mit mir werben, ohne mich darüber in Kenntnis zu setzen, fand ich nicht richtig.“ Außerdem: Mit dem anderen Nutzer, der mit ihm für die Einladung auf dem Papier steht, verbinde ihn persönlich nichts. „Ich habe den Namen zum ersten Mal gehört.“ Wird das Netzwerk hier seinem Ideal von einer vertrauensvollen Beziehung zwischen allen Beteiligten nicht gerecht?

„Dass Leute es nicht mitschneiden, hat’s schon gegeben. Aber wir haben diesen Prozess mehrmals überprüft – er ist mehr als deutlich“, sagt Brunk. Es gebe aber von Zeit zu Zeit Fälle, in denen sich ein Nutzer nicht mehr daran erinnere oder ihm das „an der Stelle nicht so bewusst war, wie es ihm hätte sein sollen“. Brunk verweist an eine Bestätigungmail, die den Nutzer auf die Verwendung seines Namens zu Werbezwecken hinweist. „Die liest aber nicht jeder, manchmal landet sie auch im Spamordner.“

Daniel selbst hege aber keinen Groll, sagt er. Die Sache sei für ihn schnell erledigt gewesen, beschwert habe er sich nicht. „Es war ja auch schon passiert.“ Wahrscheinlich hätte er sogar ja gesagt, wäre er gefragt worden. So aber bleibe ein Beigeschmack: „Bei anderen vielleicht noch mehr.“

Daniel ist weiter passiver Nutzer auf nebenan.de, vor allem aber finde er die Idee hinter diesem Netzwerk gut: „Ich finde, die Nachbarschaft kommt in der Stadt ein bisschen zu kurz.“ Es sei schön, wenn man zu den Nachbarn Kontakt aufbauen, Dinge leihen und einander helfen könne.

*Anm. d. Red.: Der vollständige Name des Nutzers wird nach Absprache nicht genannt.

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erstellt am 27.Mai.2017 | 18:13 Uhr

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