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Soziale Medien : Viel geteilt, kaum gelesen - wie wir unwissend Wissen verbreiten

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Sechs von zehn Leuten teilen Beiträge im Internet, ohne sie gelesen zu haben, sagt eine Studie. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

New York | Oft belegen Studien, was man ohnehin schon geahnt hat. So auch diese: Wissenschaftler der Columbia Universität und des French National Institutes haben herausgefunden, dass 59 Prozent der Internetnutzer Beiträge in Sozialen Medien teilen, ohne sie überhaupt angeklickt - und damit auch ohne sie gelesen zu haben.

Damit wird der Witz einer US-Satireseite nur knapp unterboten, die unter der Schlagzeile „Study: 70% of Facebook users only read the headline of science stories before commenting“ einen oft geteilten, aber nahezu inhaltslosen Lorem-Ipsum-Text veröffentlichte. Normalerweise würde ich die englische Zeile übersetzen und erklären, was Lorem-Ipsum ist, aber wenn sowieso niemand wirklich die Texte liest, ist mir das jetzt zu langatmig.

Die Chicago Tribune kommentiert den Trend des ahnungslosen Teilens als deprimierend und klagt über die „Buzzfeedisierung“ des Internets. Dieses Hecheln nach schneller, extremer Aufmerksamkeit. Viele kennen das: In einer penetranten Regelmäßigkeit schwappen irgendwelche völlig belanglosen Listen, auch „Listicles“ genannt, auf die Facebook-Startseite, die „19 Gesichter, die Du alle schon gemacht hast, als Du furzen musstest“ versprechen oder „23 Satin-Outfits, die so dermaßen 2000er sind, dass es weh tut“ - und sie sind einfach zu verlockend und bescheuert, um nicht darauf zu klicken.

Da ich jetzt wahrscheinlich auch nahezu die letzten Leser an Buzzfeed verloren haben dürfte (ich tippe mal zu 75 Prozent an den Furz-Artikel), kann ich ja jetzt den verbliebenen drei Leuten mal erzählen, wie nervtötend dieses Phänomen ist, wir sind ja unter uns.

Wer auch immer bloggt, Artikel schreibt oder sonstwie geartete Wortergüsse ins Netz bringt, wird es schon selbst bemerkt haben: Manche Kommentare dazu - ob nun bei Facebook oder in der Kommentarspalte - zielen völlig am Inhalt des Textes vorbei und verbreiten lediglich erste Assoziationen mit der soeben halbherzig erfassten Zeile. Das merkt man zum Beispiel, wenn Nichtleser nach Fakten fragen, die direkt am Anfang des Textes erläutert werden. Oder wenn der Text noch eine kleine Überraschung parat hat, die man in der Zeile aber noch nicht verrät. Wohooo, ein ganz gemeiner Kniff, man schreibt in etwa 170 Zeilen mehr, als es innerhalb von zwei Sekunden erfassbar ist.

Zuletzt schrieb ich einen solchen Text über ein Satireprojekt, das sich gegen Sanktionen für Hartz IV richtete. Es ging um eine gefakte Internetpräsenz des Arbeitsministeriums, wo sich die Politik bei den „Opfern der Agenda 2010“ entschuldigte (allein daran hätte man eigentlich schon merken müssen, dass es ein Fake ist). Ich habe das Wort Satire offen da reingeschrieben. Mehrfach. Wirklich. Nur eben nicht innerhalb der ersten zwei Absätze.

Nun ja, allein das Wort Hartz IV reicht erfahrungsgemäß schon als Trigger aus, um frustrierte Kommentare zu ernten. Und da die Medien (und da nehme ich shz.de nicht aus) nunmal nicht jeden Tag einen Bericht darüber veröffentlichen, dass dieses System manche Menschen in eine blanke Existenzangst treibt - mit der Aussicht auf eine saftige Altersarmut - kann ich diesen Mitteilungsdrang verstehen. Da ist es egal, wie die eigentliche Botschaft des Textes genau ist. Was raus muss, muss raus.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, ich hätte noch nie einen Artikel bei Facebook geteilt, den ich nicht gelesen habe. Manchmal werfe ich jemandem einen Beitrag auf die Pinnwand, dessen Inhalt mich nicht wirklich interessiert - von dem ich aber meine, dass der andere sich dafür interessieren könnte. Auch überschütte ich einen erklärten Katzenhasser gern mit Cat-Content. Schönen Gruß an dieser Stelle.

 

Diesen Trend des unreflektieren Nachblubberns hat auch der Flensburger Blog Beefing aufgegriffen. Die Autoren wollten mit einem Fake-Foto all jene vorführen, die Falschmeldungen über vermeintlich dreiste Flüchtlinge teilen - gern mit den Worten „Alle abschieben!!!!!1!!!“ oder „Das Boht ist foll!!“, um hier ein paar volksverhetzungsfreie Beispiele zu nennen. Auf diesem Foto: Nicht ganz so blonde Deutsche, die ein Transparent hochhalten: „Wir fordern mehr Geld“. Die Überschrift dazu: ,„UNVERSCHÄMT!! Flensburger Flüchtlinge fordern mehr Geld!“ Der Text hingegen reflektiert besagten Trend der sozialen Medien. Die Aktion war viel beachtet und sicherlich aufklärerisch gemeint. Allerdings darf man hier zumindest leise infrage stellen, ob der Text bei all jenen auch ankommt, die sich nicht inhaltlich mit dem aktuellen Geschehen auseinandersetzen sondern lediglich Populismus verbreiten wollen. Ums kurz zu machen: Neulich entdeckte ich das Bild zufällig wieder. In einem digitalen Facebook-Stuhlkreis für „besorgte Bürger“.

Jetzt kommt natürlich noch eine Watsche für all jene, die dem bösen Neuland Internet an allem die Schuld geben. Die alltagspsychologische Antwort lautet: Nö. Das Internet ist ein Medium. Die Ignoranz sitzt vor dem Schirm, das Netz fungiert da allerdings ein undankbarer Katalysator. Da könnte man auch mal eine Studie zu machen. Oder es sein lassen, will doch ohnehin keiner so wirklich lesen.

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erstellt am 20.Jun.2016 | 15:38 Uhr

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