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dbate.de : Video-Schnipsel Zeitzeuge Internet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Zaun wackelt beachtlich. Ein Mann klettert hinauf und grölt. Schwarz gekleidete Polizisten versuchen, eine Gruppe auf der anderen Seite der Absperrung zu bändigen. Die Kameraführung wackelt fast genauso wie der Zaun – denn es ist ein Zuschauer, der die aggressiven Szenen zwischen den Fans zweier Fußballmannschaften gefilmt hat. Das Regionalligaspiel zwischen Hannover und Lübeck wurde für 15 Minuten unterbrochen – das Video für alle ins Netz gestellt.

Private Videos sind oft verwackelt und unscharf. Doch sie können Geschichten lebensnah und authentisch erzählen. Meist aber tauchen sie nur vereinzelt auf Twitter, Facebook oder YouTube auf, werfen nur ein kleines Schlaglicht auf die Situation. Aus den versprengten, manchmal nur Sekunden langen Bilderfetzen sollen nun längere Filme entstehen. Der TV-Autor und Produzent Stephan Lamby will damit aus der „subversiven Kraft des Internet“ schöpfen, wie er sagt. Videotagebücher – so nennt Lamby das Format.

In seiner Hamburger Produktionsfirma Eco Media geht Lamby am kommenden Dienstag mit seiner Video-Plattform dbate.de an den Start. „Wir nehmen das Internet ernst, der Zuschauer wird zum Berichterstatter.“ Der Filmemacher sieht das Projekt nicht als TV-Konkurrenz – im Gegenteil. „Für die Sender eröffnen sich damit Möglichkeiten, näher an den Ereignissen zu sein.“

Zwar laufen in den Nachrichtensendungen manchmal auch Videos aus der Betroffenen-Perspektive. Doch die etablierten Medien vertrauen vor allem ihren eigenen Reportern. Bereits mehrere Sender haben Videotagebücher aus Lambys Doku-Manufaktur gezeigt, etwa zu den Protesten in Kiew. Mit dem WDR ist eine Serie mit Krebspatienten geplant. Ein Himalaya-Tagebuch soll das gespannte Verhältnis von Sherpas und Bergsteigern nachzeichnen. Die Produktionen sollen dann auch online gestellt werden.

„Die Videotagebücher zeigen, welchen Stellenwert Bewegtbilder in der Mediengesellschaft haben“, sagt Robert Bachem, Redaktionsleiter von ZDFinfo. Der Sender will auch verstärkt aus den sozialen Netzwerken schöpfen. Am 10. November zeigt ZDFinfo das Videotagebuch des singenden US-Astronauten Chris Hadfield „Mein Leben im All“. Geplant seien mit Lamby auch ein Videotagebuch aus Nordkorea und eine Dokumentation über Gewalt in den Fußballstadien.

Auf die Idee, die Jedermann-Aufnahmen zu verwerten, kam Lambys Team bei der Tsunami-Katastrophe in Japan vor drei Jahren. „Damals war für die Reporter das radioaktiv verseuchte Gebiet gesperrt. Doch viele Anwohner filmten mit ihren Handys und stellten die Bilder ins Netz.“

Bei dem Film über die Proteste in Kiew ging es ähnlich. Mitarbeiter beobachteten sehr früh die Privataufnahmen vom Maidan. Sie nahmen Kontakt auf zu den Augenzeugen, sicherten sich die Rechte an den Bildern, interviewten Video-Blogger und Teilnehmer über Skype und stellten einen halbstündigen Film zusammen. „My Revolution - Video Diary from Kiev“ wurde in der Ukraine tausende Mal angeklickt und lief auch mehrfach bei ZDFinfo. Es sind direkte, zum Teil brutale Szenen: Verwundete werden über den Asphalt geschleppt, Heckenschützen nehmen Stellung ein - „das Internet schafft Transparenz für unliebsame Wahrheiten“, sagt Lamby.

Die Tagebücher sind eine Säule des dbate-Projekts, das sich irgendwann mit Werbung selbst finanzieren soll. Die zweite Säule sind Interviews mit Persönlichkeiten wie dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger. Die Gespräche kommen aus dem Fundus von Lambys TV-Dokumentationen und waren bisher meist nur in kurzen Auszügen im Fernsehen zu sehen.

Angesichts knapper werdender Gelder der Sender suchen unabhängige Produzenten nach neuen Wegen zur Zweitverwertung ihrer Arbeit, etwa mit neuen Formaten wie Videotagebüchern.

Diese hautnahe Unmittelbarkeit liegt offenbar im Trend. Das US-Medienunternehmen Vice macht damit Milliarden. Vice-Reporter sind in Syrien, bei den prorussischen Separatisten in der Ukraine oder mit US-Basketballer Dennis Rodman in Nordkorea unterwegs. Ein Bericht über die Terrormiliz IS wurde mehr als vier Millionen Mal auf YouTube angeklickt. Kritiker werfen Vice allerdings oft Effekthascherei und Einseitigkeit vor. Auch Lamby sieht das Risiko der einseitigen Darstellung der Handy-Videos. Deswegen werden die Tagebücher aus mehreren Quellen zusammengestellt, die Glaubwürdigkeit der Zeugen soweit wie möglich geprüft. dbate gehe es aber vor allem darum, den traditionellen Journalismus mit Berichten aus erster Hand zu ergänzen – nicht ihn zu ersetzen.

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