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Kinder mit Smartphones : Überwachungs-Apps: Ständig im Blick der Eltern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Eltern nutzen Smartphone-Apps, die ihre Kinder überwachen. Kinder- und Datenschützer sind skeptisch.

von
erstellt am 27.Aug.2014 | 17:25 Uhr

Flensburg | Ein eigenes Smartphone ist für viele Erstklässler längst Standard. Eltern statten ihre Kinder mit den Geräten aus, damit sie erreichbar sind. Eine Vielzahl neuer Apps ermöglicht jedoch Kontrolle noch weit darüber hinaus. Die besorgte Mutter kann auf einer Karte in Echtzeit sehen, wo sich ihr Sohn gerade aufhält. Das Smartphone schickt eine automatische Nachricht an den Vater, wenn die Tochter sicher von der Disco zu Hause angekommen ist. Das stößt jedoch bei Kinder- und Datenschützern auf Kritik.

Vor allem bei Amerikanern sind die Big-Brother-Apps beliebt. Mit ihrer selbst entwickelten App „Ignore No More“ („Ignoriere mich nicht mehr“) sorgte eine texanische Mutter für Aufsehen. Meldet sich der Nachwuchs auf einen Anruf nicht zurück oder ignoriert eine Nachricht, sperrt das Programm kurzerhand einen Großteil der Funktionen des Smartphones. Erst wenn sich das Kind bei den Eltern meldet, werden Spiele und SMS wieder frei geschaltet. Mit der App Family Lovator haben Eltern die Möglichkeit, jederzeit den Aufenthaltsort ihrer Kinder abzufragen. Voraussetzung ist, dass die Apps auf beiden Geräten installiert ist.

Ganz so rigoros sind deutsche Entwickler nicht. „Wenn Kinder die Apps nicht freiwillig nutzen, wirkt das in genau die entgegengesetzte Richtung. Sie finden schnell Möglichkeiten, die Dienste zu umgehen“, sagt Hauke Windmüller. Er ist einer der Gründer der App Familonet des gleichnamigen Hamburger Start-ups. Mit der App können Nutzer ihre Familie registrieren und alle mobilen Geräte verbinden. Sie können untereinander aktuelle Standorte übermitteln, Nachrichten und Fotos verschicken und im Notfall schnell Hilfe rufen. Auch Orte wie zum Beispiel die Schule lassen sich festlegen. Betreten die Nutzer die Bereiche, verschickt das Handy eine automatische Nachricht an den Rest der Familie. Hauke Windmüller nennt sie „Familien-Orte“.

„Es sind immer dieselben Fragen. Wo bist du? Wie geht’s dir? Was machst du? Wir haben nach einem Weg gesucht, das zu vereinfachen“, erklärt der Gründer. Teenager hätten nicht immer Lust, mit ihren Eltern zu telefonieren, um ihnen zu sagen, dass alles in Ordnung ist. Eine App löse dieses Problem, ersetze aber nicht die vertrauensvolle Kommunikation. Die Entwickler haben deshalb Wert darauf gelegt, dass nicht nur die Eltern, sondern auch Kinder einstellen können, welche Orte von dem Dienst wie erfasst werden. „Wir raten Eltern immer: ,Aufklären statt Vorschreiben‘“, so Windmüller.

Schleswig-Holsteins oberster Datenschützer Thilo Weichert hält trotzdem nichts von Familien-Apps mit Standortübermittlung. Denn sie lassen sich nicht nur für die Sicherheit von Kindern einsetzen. Auch ob das Kind zur Schule geht, lässt sich damit überwachen. „Das ist eine absolute Misstrauensbekundung“, kritisiert er. Wenn Eltern Kindern auf Schritt und Tritt folgen müssen, sei das eine schlechte Voraussetzung zur Entwicklung von Selbstständigkeit und Vertrauen. „Kinder müssen lernen, mit Freiheit umzugehen“, so Weichert.

Er befindet sich damit auf einer Linie mit dem Kinderschutzbund Schleswig-Holstein. „Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. Sie ist ein wichtiger Teil ihres Entwicklungsprozesses“, sagt Landesvorsitzende Iren Johns. Ständige Ortung, Zugriff auf Kontaktlisten und vor allem die Kamera und des Mikrofones lehne der Kinderschutzbund deshalb ab. Zwar sei es wichtig, den Medienkonsum kritisch zu beobachten, dafür brauche es jedoch keine App. „Eltern sollten Vertrauen zu ihren Kindern haben und ihnen ermöglichen, selbstständig zu werden. Sie sollten Ansprechpartner sein, anstatt als Überwachungsinstanz aufzutreten“, fordert Johns.

Eltern müssen Kinder gewisse Freiräume lassen. Das sagt auch Lars Riesner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arbeitskreises Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie und Rechtspsychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. „Das Gefühl, ständig von den Eltern überwacht zu werden, kann Kindern zeigen: Meine Eltern vertrauen mir nicht“, sagt er. Pauschal verdammen möchte der Psychologe die Apps aber nicht: „Es gibt Einsatzbereiche, in denen sie sinnvoll sein können, zum Beispiel Konzertbesuche. Das hängt aber davon ab, wie man es kommuniziert.“

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