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Quantified Self : Trend zur Selbstvermessung: Das optimierte Ich

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Smartphone-App, Fitnessarmband: Selbstvermessung und Selbstoptimierung sind zum Hobby des 21. Jahrhunderts geworden. Es hat sich eine eigene Szene etabliert.

Smartphones verraten viel über ihren Besitzer. Sie können seine Schritte zählen, Daten über sein Gewicht sammeln und seinen Schlafrhythmus erforschen. Was sie noch nicht können, ist, sich gegen ungestüme Tiere zu erwehren. Andreas Schreiber versaut das regelmäßig die Messreihe. „Ich habe einen Hund, der sehr nervt, der mindestens fünfmal die Nacht aufs Bett springt“, sagt er. Sein Smartphone, das die Bewegungen auf seiner Matratze und damit den Schlaf misst, bringt das komplett durcheinander.

Die Geschichte mit dem Hund erzählt er auf einem Treffen der „Quantified Self“-Gruppe in Köln. Solche Gruppen gibt es auf der ganzen Welt und auch in vielen deutschen Städten. Man tauscht aus, was man über seinen Körper herausgefunden hat. Und vor allem: wie.

Selbstvermessung liegt im Trend. Tag für Tag werfen Entwickler neue elektronische Gadgets auf den Markt, mit dem sich das Leben in Zahlen und Grafiken darstellen lässt.

Schreiber und seine Kölner Gruppe sind eine Art Pioniere der Selbstvermessung. Sie praktizierten es schon zu einer Zeit, als es noch ein Nischenthema war. „Ich habe damals meine Schritte manuell vom Gerät abgeschrieben und auf eine Webseite eingetragen“, sagt Schreiber.

Was ist die Motivation dahinter? „Es gibt drei Aspekte: Gesundheit, Fitness, Spieltrieb. Bei mir ist es die Gesundheit und der Spieltrieb“, sagt Schreiber. Er fing nach einem Schlaganfall an. „Ich sollte meinen Blutdruck und mein Gewicht aufzeichnen.“ Nun untersucht er beispielsweise selbst, ob sein Kaffeekonsum Auswirkungen auf seinen Blutdruck hat. Er hat auch eine Firma mitgegründet, um Apps dafür zu entwickeln.

Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen hat ein Buch über das Thema geschrieben. Er warnt davor, die ganze Entwicklung als Spielerei abzutun. „Unser Menschenbild wird dadurch extrem maschinistisch. Diese Zerlegung in Einzeldaten ist praktisch dasselbe wie die Zerlegung einer Kaffeemaschine in Einzelteile. Und die Illusion, die da mitschwingt, ist die völlige Austauschbarkeit von einzelnen Faktoren“ sagt er. Hinzu kommen einige eher handwerkliche Probleme: „Für eine Interpretation braucht man Kontext. Und wenn man den nicht hat, sind die Daten sinnlos“, sagt Selke.

Für den Kontext hat Andreas Schreiber seinen Arzt. Der freue sich bei seinen Terminen über all die Daten, sagt Schreiber. „Er will nur nicht, dass ich ihm vorschreibe, was für Medikamente ich bekommen soll.“

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