Maas’ Netzwelt : Transparenz killt Menschlichkeit

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Videos von überall live zu streamen, klingt cool – beim ersten Hinsehen. Doch weder Twitter noch Meerkat konnten damit die App-Charts stürmen.

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07. April 2015, 11:22 Uhr

Im Roman „The Circle“ von Dave Eggers wird die Protagonistin Mae Holland freiwillig transparent: Sie trägt eine Kamera an einer Kette um ihren Hals, zeichnet damit das Leben um sie herum auf – und veröffentlicht in Echtzeit. Persönliche Gespräche mit ihren Eltern, ihre Arbeit beim „Circle“, der mit seinem modernen Spielwiesen-Campus an die realen Mega-Internetkonzerne im Silicon Valley erinnert, ihr eigenes Intimleben. Nichts wird geschönt, nichts gelöscht. Das Ziel: die totale Transparenz. Der Preis: die Menschlichkeit. Und die meisten machen mit.

An Eggers’ etwas plumpe Google-Facebook-Dystopie fühlte ich mich immer wieder erinnert, als ich in den vergangenen Wochen die Nachrichten über „Meerkat“ oder „Periscope“ vernahm. Beide Dienste ermöglichen es den Nutzern, Videos von überall live zu streamen – und die Streams für alle bei Twitter zu veröffentlichen. Zugegeben: Das klingt cool. Dann fragte mich angesichts der vielen euphorischen Tech-Blogger: Wollen die Leute das wirklich? Also, in der Masse?

„Meerkat“ war jedenfalls vor vier Wochen der große Star beim South by Southwest Festival (SXSW) in Austin, sollte das Gesicht des kommenden US-Wahlkampfes verändern (mindestens!) und wurde inzwischen schon wieder für tot erklärt. Manche sprechen vom kürzesten Internet-Hype aller Zeiten. Manche sagen auch, „Periscope“ habe das süße, unabhängige Erdmännchen gefressen. „Periscope“ brachte Twitter selbst etwa einen Monat nach „Meerkat“ auf den Markt. Offenbar wollte sich das Unternehmen mit den niedlichen Vögelchen und dem schwebenden „Failwhale“ nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. App-Download-Schlager sind sie übrigens beide nicht geworden.

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