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Videoüberwachung am Bahnhof Südkreuz : Testlauf in Berlin: Kameras sollen Gesichter erkennen

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Sechs Monate erfassen Kameras die Gesichter von Passanten am Bahnhof Südkreuz. Für den Versuch hagelt es Kritik.

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 09:40 Uhr

Berlin | „Big brother is watching you“, heißt es in George Orwells berühmten Überwachungsroman „1984“. Parallelen zwischen Buch und echter Welt sind schon dutzendfach beschrieben worden. Trotzdem fällt beim Thema Videoüberwachung und Gesichtserkennung schnell der Name des 1950 gestorbenen Schriftstellers. Es geht um Kameras, die Bilder in hochmoderne Computerprogramme einspeisen, die wiederum einzelne Gesichter und Menschen erkennen. Polizeibehörden und Geheimdienste lieben so etwas, Datenschützer und Anti-Überwachungsinitiativen nicht.

Mit der zunehmenden Bedrohung durch Terroristen werden Rufe nach mehr Überwachung seit Jahren lauter. Dabei ist nicht erwiesen, dass mehr Überwachung Verbrechen überhaupt verhindern kann.

Jetzt wird im echten Leben getestet, was technisch geht. Am Dienstag beginnt im Berliner Bahnhof Südkreuz ein realitätsnaher Versuch, der sechs Monate dauert und zeigen soll, ob Kameras und Software brauchbare Ergebnisse liefern. Beteiligt an dem Pilotprojekt sind Bundespolizei, Bundeskriminalamt (BKA), Bahn und Bundesinnenministerium.

Drei neue Kameras hängen künftig in dem großen Fern- und S-Bahnhof, 250 bis 300 Testpersonen haben zugesagt und ihre Namen und zwei Fotos ihres Gesichts speichern lassen. Die erste Kamera filmt an drei Türen die eintretenden Menschen, die zweite Kamera filmt sie beim Verlassen des Gebäudes, die dritte beobachtet eine Rolltreppe. Die freiwilligen Testteilnehmer, meist Pendler, die häufig im Bahnhof sind, sollen den entsprechenden Ein- und Ausgang und die Rolltreppe nutzen. Sie tragen einen Transponder, eine Art kleinen Sender. Die Computer im Bahnhof registrieren, wenn der Testmensch auftaucht. Die Bereiche sind gekennzeichnet, möchte jemand nicht ins Visier geraten, könne er einen anderen Weg wählen, heißt es.

Die Frage für die Polizei ist: Erkennen Kameras und Computer die Menschen ebenfalls nur anhand ihres Gesichts? Läuft das System auch im Sommer, wenn Menschen Sonnenbrillen tragen? Oder im Winter, wenn Gesichter von Mützen und Schals verdeckt sind? „Wir wollen das unter normalen Bedingungen testen“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei. „Die Tester können auch einen Hut oder Fahrradhelm tragen oder etwas kleiner sein und in der Menge verschwinden.“ 

Die Bundespolizei begründet den Test mit der Abwehr von Terroristen: „Mit dieser Technik könnte es gelingen, Straftaten und Gefahrensituationen im Vorfeld zu erkennen. Mögliche Gefährder könnten vor einem geplanten Anschlag erkannt und dieser verhindert werden.“ Die Programme sollen gesuchte Verdächtige oder Menschen, „von denen eine Gefahr ausgeht bzw. ausgehen könnte, erkennen und melden“. Ab Anfang 2018 sollen  auch Verhaltensscanner eingesetzt werden, die außergewöhnliche oder gefährliche Situationen erkennen können sollen.

Datenschützer kritisieren den großangelegten Versuch

Die Systeme für den Versuch sollen gemietet sein – und dafür fallen einem Bericht von netzpolitik.org zufolge 61.900 Euro an. Allerdings nur für die Gesichtererkennung, wie hoch die Mietkosten für die Verhaltensscanner sind, ist demnach noch nicht bekannt. Welche Firmen hinter der Technik stehen, soll am Dienstag aus dem Bundesinnenministerium bekannt gegeben werden, hieß es auf Anfrage der Netzaktivisten.

Große Vorbehalte hat Deutschlands oberste Datenschützerin Andrea Voßhoff. Der Test sei akzeptabel. Sie habe aber „grundsätzliche Bedenken“ gegen die Technologie. „Sollten derartige Systeme einmal in Echtbetrieb gehen, wäre dies ein erheblicher Grundrechtseingriff.“ Auch die Datenschützer der Länder halten biometrische Gesichtserkennungssoftware in Kameras für rechtswidrig. Die Freiheit, sich anonym in der Öffentlichkeit zu bewegen, könne zerstört werden.

Auch Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk kritisiert den Einsatz der biometrischen Gesichtserkennungs-Programme und verwies auf das „enorme Missbrauchsrisiko“ der biometrischen Gesichtserkennung. Passanten könnten nicht nur beobachtet, sondern zugleich identifiziert werden. Das verfassungsrechtlich verbriefte Recht, sich unbeobachtet und anonym in der Öffentlichkeit zu bewegen, drohe ausgehöhlt zu werden. „Hinzu kommt, dass mit der Technik auch eine erhebliche soziale Kontrolle auf Menschen ausgeübt werden kann“, betonte Smoltczyk.

Der SPD-Politiker Christopher Lauer, früher bei den Piraten Experte für Internet und Datenschutz, kritisiert: „Der kriminalistische Nutzen ist gleich Null.“ Eine Schirmmütze reiche als Schutz für Terroristen. Zudem sei das System fehlerhaft. Bei drei Millionen Fahrgästen im gesamten Berliner Verkehrsnetz würde schon eine Fehlerquote von eins zu einer Millionen zu drei falschen Polizeieinsätzen führen. „Es gibt eine totale Fixierung auf nutzlose Überwachungstechnik. London müsste so die sicherste Stadt der Welt sein. Ist sie aber nicht.“

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