zur Navigation springen

Per WLAN in die Cloud : Sprechende „Abhör“-Barbie: Warum sich die USA vor einer Puppe fürchten

vom

Überwachung im Kinderzimmer? In den USA sorgt eine sprechende Barbie mit direktem Draht in die Cloud für Diskussionen.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2015 | 10:46 Uhr

El Segundo | Eine interaktive Barbie, mit der man sich unterhalten kann: Für viele Fans wird damit ein Traum wahr. Für andere aber bedeutet das vernetzte Spielzeug einen Lauschangriff im Kinderzimmer. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt die sprechende „Hello Barbie“, mit Mikrofon und WLAN-Schnittstelle versehen, jetzt in die US-Läden - für stattliche 75 Dollar (68 Euro).

Barbie gehörte früher in fast jedes Mädchen-Kinderzimmer. Doch seit einigen Jahren schwächelt der Absatz des Puppen-Klassikers. „Königin Elsa“ und Prinzessin Anna aus „Frozen“ haben Barbie den Rang abgelaufen. Mit der neuen Version will Hersteller Mattel Marktanteile zurückerobern.

Eltern und Datenschützer kritisieren die neue Puppe: Von einer „Abhör-Barbie“ ist die Rede und vom Missbrauch kindlicher Privatsphäre, auch eine Online-Petition läuft. Doch ebenso wie in Deutschland ist der allgemeine Trend hin zu mehr High Tech im Kinderzimmer stark. Auch mit dem Sprachassistenten steht „Hello Barbie“ nicht allein: Das US-Startup Elemental Path nimmt derzeit Vorbestellungen für einen sprechenden und lernfähigen Mini-Dino entgegen - mit IBMs Supercomputer-Technologie Watson versehen. Außerdem gibt es auch schon einen Teddy, der über eine Smartphone-App Informationen über das Kind und sein Umfeld beigebracht bekommen kann.

Wie funktioniert die smarte Barbie?

„Hello Barbie“ funktioniert ähnlich wie die Spracherkennung in vielen Smartphones: Ein Mikrofon, das im Nacken der Puppe sitzt, nimmt alles auf, was Barbies Gesprächspartner sagt. Die Daten werden via WLAN in die Cloud geschickt, wo die passende Antwort aus rund 8000 bereitgestellten Dialogsätzen ausgewählt wird. Den gewonnenen Input behält „Hello Barbie“ dann für künftige Antworten „im Hinterkopf“.

Auf der „Toy Fair“-Spielzeugmesse wurde die neue Barbie im Februar 2015 der Öffentlichkeit vorgestellt:

Doch was passiert mit den aufgenommenen Daten? Laut Mattel werden sie nicht zu Werbezwecken gespeichert, sondern nur um das Gesprächserlebnis zu verbessern, und nach zwei Jahren wieder vom Server gelöscht. Außerdem müssten die Eltern zu Beginn auch ihre Zustimmung geben. Doch ähnlich wie bei einigen anderen elektronischen Geräten mit Sprachsteuerung, die den Umgebungsgeräuschen lauschen, um ein für sie gedachtes Schlüsselwort nicht zu verpassen, hält sich Skepsis.

Datenschützer haben viele Bedenken

Von den Datenschützern bei „Digitalcourage“ bekam die Barbie in diesem Jahr prompt den „Big Brother Award“ verliehen. In den USA machen unter anderem die Anwälte der „Campaign for a Commercial-free Childhood“ (CCFC) mobil und starten zum Verkaufsstart eine Social-Media-Kampagne unter dem Motto „Hell No Barbie“. Mehrere Zehntausend haben bereits gegen den Verkaufsstart der Barbie unterzeichnet. CCFC-Geschäftsführer Josh Golin befürchtet, dass persönliche Daten geteilt und für Marketingzwecke genutzt werden. „Da gibt es eine ganze Menge Bedenken, was Privatsphäre und Sicherheit angeht“, sagte er in einem TV-Interview. Schließlich würden Kinder ihrem Spielzeug auch geheime, ganz private Dinge anvertrauen, die niemanden etwas angingen.

Das Startup Toy Talk aus San Francisco hat den Sprachassistenten entwickelt und zusammen mit Mattel die Antworten ausgearbeitet - mit Barbie- und kindgerechtem Wortschatz. In einem Testgespräch geht es etwa um spätere Berufswünsche. Barbie: „Hey, du hast mir erzählt, dass du gerne auf einer Bühne stehst. Vielleicht wirst du also Tänzerin? Oder Politikerin? Oder tanzende Politikerin? Hey, du kannst werden, was immer du willst.“ Noch ist die „Hello Barbie“ weit davon entfernt, gegenüber Erwachsenen den sogenannten Turing-Test für künstliche Intelligenz zu bestehen, bei dem es darum geht, in einem Dialog einen Menschen von Software zu unterscheiden. Aber Kinder reagieren anders als Erwachsene, sagen Mediziner. „Computer-Algorithmen können und sollten die nuancierte Ansprechbarkeit liebevoller Personen nicht ersetzen“, zitiert CCFC den Kinderarzt Dipesh Navsaria von der Universität Wisconsin in der Debatte.

Ein anderer Punkt: Auch Eltern laufen Gefahr, mit der „Hello Barbie“ in die Privatsphäre ihrer Kinder einzudringen. Sie sollen einmal pro Woche die von Barbie aufgenommenen Audiofiles zugeschickt bekommen - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt.

Einer Sprecherin von Mattel Deutschland zufolge ist ein Verkauf der „Hello Barbie“ in Deutschland derzeit nicht geplant. Deutschlands bekanntester Datenschützer Thilo Weichert kennt die Barbie bereits und warnt: „Wir müssen als Konsumentinnen und Konsumenten selbst darauf achten, dass sich die elektronische Überwachung nicht in unsere Gemächer schleicht.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen