zur Navigation springen

Schaltjahr : Software-Fehler – Wenn der Computer sich verzählt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schaltjahre sorgen nicht für großflächige Systemausfälle, sagt ein Experte der Uni Kiel. Doch es könnte auch künftig zu Softwareproblemen durch Fehler in der Zeitfunktion kommen.

von
erstellt am 29.Feb.2016 | 19:35 Uhr

Das Millennium liegt längst hinter uns, doch die Warnungen vor einer damit einhergehenden Apokalypse sind noch deutlich in Erinnerung. Werden die Computersysteme zusammenbrechen, das öffentliche Leben stillgelegt? Doch passiert ist eigentlich nichts – weil in vielen Fällen gerade noch rechtzeitig gehandelt wurde.

Unregelmäßigkeiten im Kalender könnten auch künftig zu Schwierigkeiten führen, wenn sie nicht einkalkuliert werden. Eine Abweichung von der 365-Tage-Regel ist der alle vier Jahre eingeschobene 29. Februar. Doch Schaltjahre seien kein Grund, sich neue Schreckensszenarien zu erdenken, sagt Dirk Nowotka von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: „Das Schaltjahr ist kein Problem.“ Millennium und Schaltjahr – zwei vollkommen unterschiedliche Herausforderungen für die Technik und ihre Schöpfer.

Das Problem ist, dass Software mit Informationen „gefüttert“, auf Besonderheiten vorbereitet werden muss. Beim sogenannten Millennium-Bug hatte es sich um einen Fehler im Datumsformat gehandelt. Die Softwareentwickler der 60er und 70er Jahre haben ihre Technik unterschätzt: „Software hält im Prinzip ewig“, sagt Informatik-Professor Nowotka. „Es war anfangs nicht absehbar, dass Programmcode so häufig wiederverwendet wird.“ Es gebe regelmäßige Wartungen, Erweiterungen oder auch Restrukturierungen, die Schwächen immer wieder beheben – alles Vorgänge, die „völlig normal“ sind, sagt Nowotka. Software sei von Haus aus fehleranfällig, sagt er: „Insbesondere bei sehr komplexen Systemen ist die Vermeidung von Fehlern und Schwachstellen schwierig und teuer.“

Außerdem war Speicherplatz damals teuer. Um Kapazitäten zu sparen, hatten die Programmierer bei ihrer Datenrechnung auf die ersten beiden Stellen der Jahreszahl verzichtet. Aus 1988 beispielsweise wurde also 88. So hätte in der Nacht des 31.12.1999 ein Jahreswechsel in den Computersystemen zwar stattgefunden, man wäre allerdings im Jahr 1900 statt 2000 gelandet, hätte man nicht rechtzeitig nachjustiert.

Schaltjahre hingegen seien wegen ihrer Regelmäßigkeit von Anfang an beim Einrichten von Kalender- und Zeitfunktionen in Programmen berücksichtigt worden, erklärt Nowotka. Bei der – in den meisten Fällen rechtzeitigen – Lösung des Millennium-Problems sind zudem andere Fehler ausgemerzt worden. Unter anderem die falsche Annahme, dass nicht alle Jahrhundertjahre – wie 1900 – Schaltjahre sind, brachte die Systeme an einigen Stellen durcheinander.

Der in den Programmen nicht bedachte 29. Februar 2008 legte einige von Microsofts MP3-Playern „Zune“ lahm – sie rechneten mit 365 statt 366 Tagen und quittierten am 31. Dezember ihren Dienst. 2012 fiel wegen eines Schaltjahr-Fehlers die GPS-Ortungsfunktion einiger Navigationssysteme des Hersteller TomTom aus. Sollte in einem Schaltjahr heute noch etwas schiefgehen, müsste es sich schon um „eine sehr schlechte Software“ handeln, so Nowotka.

Doch das dicke Ende kommt noch – oder nicht? Die sogenannte Unixzeit, die in vielen Systemen die Grundlage für die Zeitrechnung darstellt, zählt ab dem 1. Januar 1970 die abgelaufenen Sekunden. Am 19. Januar 2038 um 03:14:08 Uhr ist damit Schluss – der 32-stellige Zähler ist voll. Und was dann? „Das Thema 2038 steht im Raum“, sagt Nowotka. Aber: „Wir können es abhaken. Es ist trivial aus Informatikersicht.“ Nach heutigem Stand stünden die Systeme zwar vor Problemen. Die würden sich allerdings nur bewahrheiten, wenn man fahrlässig mit dem Thema umginge. Dabei gibt es verschiedene Wege, das Problem zu lösen, bevor es zum Tragen kommt: den Zähler vergrößern oder die Verwaltung der Systemzeit neu zu implementieren zum Beispiel. „Man muss sich nur ranmachen“, sagt der Informatiker.

Das sei der Lauf der Software-Dinge: Immer wieder müssten Systeme hinterfragt und Teile ersetzt und erweitert werden. Diese Umbaumaßnahmen würden unter der Haube beispielsweise bei Updates durchgeführt, erklärt Nowotka: „Die Umstellung passiert weitestgehend schleichend und ohne dass der Nutzer es merkt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert