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Mobile Bezahldienste : Smartphone-Ärger: Abo-Abzocke aus dem Nichts

vom
Aus der Onlineredaktion

Abofallen im mobilen Internet sind ein alter Hut, doch die betrügerische Masche mit den WAP-Tricks läuft auf Hochtouren. Ein Quiz-Abo wirft Fragen auf.

Flensburg | Während einer intensiven SMS-Unterhaltung mit der Partnerin fliegt plötzlich eine Kurzmitteilung ins Postfach, die wie Spam aussieht, es aber in sich hat. Der Zusender namens Billinfo will auf dem Android-Tablet mit SIM-Karte ein Quizabo eingerichtet haben – und verlangt dafür 7,49 Euro pro Woche.

Im Browser Google Chrome, der passiv im Hintergrund lief, hat sich tatsächlich unbemerkt ein Quizfenster geöffnet. Ohne bewussten Klick auf einen Werbebanner, ohne Sichtung einer Produktseite und ohne Darstellung eines gesetzlich vorgeschriebenen Kaufbuttons – geschweige dessen Aufruf – ist anscheinend ein Vertrag entstanden.

So oder so ähnlich sind die Abläufe der ewig jungen Masche, mit der Verbraucherschützer wieder verstärkt zu tun haben. Trotz Kündigung am selben Tag ist der Endkunde erstmal zur Zahlung verpflichtet. Abgerechnet wird über die Handyrechnung des Providers. Manche bemerken erst beim Lesen ihrer Monatsrechnung, dass ohne ihr Zutun die Kostenfalle nach ihnen geschnappt hat. 

Auch wenn sie ein Unrecht wittern, fühlen sich Betroffene zunächst machtlos. Im Glauben, vielleicht doch durch ein Missgeschick ein Abo ausgelöst zu haben, verzichteten viele daher auf rechtliche Schritte und zahlten artig. Manche merkten gar erst nach Monaten, was sie sich da eingehandelt hätten. So perfide funktioniere die Masche der Abo-Geldmacher, erklärt der Rechtsberater Boris Wita von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Wie es zum Abschluss solcher Verträge kommt, sei kaum nachzuvollziehen.

Oft werden Nutzern die Abos über versteckte Werbebanner in Smartphone-Apps untergeschoben. Selbst ein Klick ins vermeintlich Leere kann zur Folge haben, dass sich eine spezielle Abo-Seite öffnet, die vom Nutzer kaum als solche zu erkennen ist. Die Willenserklärung in unserem Fall entlockt das Quiz-Abo dem Smartphone offensichtlich einfach selbst. Oder die Seite ist so geschickt erstellt worden, dass sie auf Irrtumskäufe abzielt. Die nach einer Presseanfrage bei Debitel vom Quiz-Anbieter herausgegebenen Daten ergeben, dass nur 0,6 Sekunden (!) nach Öffnen des vermeintlichen Button-Bildschirms der Kauf getätigt worden sein soll. Das sollte gerade während des Tippens einer SMS schwer möglich sein.

Der Kassier-Trick funktioniert über ein Protokoll, das aus der Urzeit des mobilen Internet stammt: dem WAP. Mithilfe des „Wireless Application Protocol“ wird bei einem versehentlichen Klick die individuelle Nummer der SIM-Karte im Smartphone des Nutzers an den Betreiber der Werbe-Seite übermittelt. Über diese MSISDN (= Mobile Subscriber Integrated Services Digital Network Number) erhält der Abo-Makler dann die Mobilfunknummer des Betroffenen vom Handyanbieter und streicht über diesen dann augenblicklich sein „Honorar“ ein.

Verweigern Betroffene die Zahlung, müssen sie mit Mahnungen und Sperrungen des Handy-Anbieters rechnen. Sie sind auf sich allein gestellt. Wollen sie ihr Geld zurück haben, müssen sie sich mit den Drittanbietern selbst auseinandersetzen, die sich wie Chamäleons getarnt ihre Rechtsfreiheit stetig neu erarbeiten.

Das Inkassso Billinfo/Globilekommunikation Ltd. als Unterhändler der börsennotierten Düsseldorfer Net mobile AG reagiert binnen weniger Stunden mit einer Abo-Kündigung auf eine Email, die eigentlich den Vertragsschluss infrage stellte. Die Forderung hingegen bleibt bestehen und ist sofort im Kostencheck beim Mobilfunkanbieter Debitel zu sehen. Für Details zum Vertragsabschluss müsse man beim Dienstanbieter direkt anfragen, heißt es in einer Antwort-Email der Verrechnungsfirma. Auf die Aufforderung, den Vertragsschluss nachzuweisen, reagiert letztere trotz Androhung einer Anzeige nicht.

Der Gang zur Polizei, mühsam aufgesetzte Schreiben und teure Einschreiben – „Sind 7,49 Euro diese Mühe wert?“, denken sich viele an dieser Stelle und lassen den Fall ruhen. Dadurch bleibt die perfide Masche lukrativ.

Für den Verbraucherschutz ist das Gebaren nichts Neues. „Ständig“ habe er mit Beschwerden über unerklärliche Abschlüsse zu tun, sagt Boris Wita. Stefan Jung von der Landespolizei Schleswig-Holstein rät jedem Betroffenen solcher Geschäfte, Anzeige zu erstatten, auch um die Dunkelziffern einzugrenzen. Vor allem in Spiele-Apps aber auch in vielen kostenlosen/günstigen Apps sei Werbung eingebunden. Selbst bei versehentlicher Berührung, könne es sein, dass dadurch unbemerkt und ungewollt ein Abo zustande käme.

Das Wiederum ist ein Verstoß gegen das „Gesetz zur Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuches zum besseren Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher vor Kostenfallen im elektronischen Geschäftsverkehr“ von 2012. Mit dem § 312g BGB hat die Bundesregierung die Button-Lösung im Online-Bestellablauf verankert. Das bedeutet: Der Diensteanbieter muss den Bestellvorgang unter vorheriger Nennung der Vertragsbedingungen so gestalten, dass er auf der grafischen Oberfläche ausdrücklich auf den anstehenden Kaufvorgang hinweist – sonst entsteht kein Vertrag.

Aus dem Impressum der Seite go-quiz.eu im Fallbeispiel geht hervor, dass es sich beim ungebetenen Dienst um ein Produkt der vorgelagerten Firma Interclick Ltd. handelt, die laut Abfrage der Whois-Datenbank im zentralamerikanischen Belize agiert und am Potsdamer Platz in Berlin einen digitalen Briefkasten hat. So einfach umgehen die Geldmacher das deutsche Recht, obwohl die Server in Gunzenhausen stehen und die Domain auf eine Hamburger Firma registriert ist.

In der Hotline des Anbieters Debitel wird beteuert, dass es selbstverständlich zu einer expliziten Willenserklärung gekommen sei. Auf das „wie“ könne nur der Drittanbieter eine Antwort geben. Mit 7,49 Euro sei man noch gut davongekommen, manche Kunden schleppten über längere Zeit Abos in dreistelliger Höhe mit sich herum, ohne es zu bemerken, heißt es zur Beruhigung. Für Beanstandungen müsse der Anbieter direkt konsultiert werden.

Die Provider müssen Drittanbietern die Möglichkeit geben, ihre Geschäfte abzuwickeln, doch sie unterstützen diese Dienste auch, weil ihre Kontrollsysteme nicht ausreichend gepflegt werden. So wird der schwarze Peter meist einfach an den Kunden weitergereicht. Außerdem lassen sich die Handy-Anbieter ihre Inkasso-Dienste mit den „Gebühren für Drittanbieter“ bezahlen.

Wie Verbraucherschützer und Polizei empfehlen auch die Handy-Anbieter den Abo-Opfern die Einrichtung der so genannten Drittanbietersperre. Dadurch werden Zahlungsdienste für Dritte über Handyrechnung komplett unterbunden. Die Bezahlschranke lässt sich direkt beim Abschluss des Handyvertrags oder nachträglich telefonisch in der Hotline der Mobilfunkanbieter kostenlos einrichten. Sie ist das effektivste Mittel, um Abo-Abzocke zu unterbinden.

Nachdem die Sperre im Fallbeispiel erfolgt war, öffnete sich die getarnte Redirect-Quiz-Site in sporadischen Abständen noch über zehn Mal innerhalb von drei Monaten – immer im Standbymodus. Obwohl weder die Seite, noch ein Gewinnspiel und auch kein Button bewusst  aufgerufen wurden, verhindert ein neuerliches Abo nun einzig die Drittanbietersperre, die sich in der Fehlermeldung „Dienst fehlgeschlagen“ bemerkbar macht.

Laut Info des Anbieters wird „Vertragsinteressenten“ vorher dieser Bildschirm gezeigt, der aber erst seit der Intensivierung der shz.de-Recherche auch wirklich eingesetzt wird. (Grafik des Dienstanbieters)

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„Die Abo-Firmen sind meist in Ländern ansässig, mit denen kein Rechtshilfeabkommen besteht und ändern bei Schwierigkeiten mit dem Gesetz zudem einfach ihre Namen. So können sie die gesetzlichen Regelungen leicht aushebeln und sich tarnen“, meint der Jurist Boris Wita von der Verbraucherzentrale SH. Man müsse daher zusätzlich bei den technischen Standards ansetzen, um effektiv die Sicherheitslücken zu schließen, die Kostenfallen im mobilen Internet möglich machten. Hier sei die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde, Gesetzesinitiator und „Sammelbecken“ für Fälle dieser Problematik gefragt.

Auch der Bundesnetzagentur sind Fallkonstellationen bekannt, bei denen dubiose Vertragsschlüsse nicht rekonstruiert werden können. Die Fälle fielen jedoch im Vergleich zu anderen Betrugsformen wie bei Apps vergleichsweise harmlos ins Gewicht. Mit einer kompletten Ausbootung des WAP-Billings könne man der Problematik erschlichener Verträge also nicht begegnen. Es sei aber davon auszugehen, dass das Problem erneut thematisiert werde, gibt die Behördensprecherin Anja Klammer zu wissen.

Maßnahmen wegen Rufnummernmissbrauchs nach § 67 TKG seien bei diesen kleinen Dimensionen nach derzeitigem Stand der Dinge nicht möglich. Die Problematik bliebe also im Zivilrecht verhaftet. Gegen die in § 45d Abs. 3 TKG verankerte Drittanbietersperre als Standardeinstellung bei Neuverträgen habe sich die Bundesregierung im Gesetzgebungsverfahren 2012 bewusst entschieden, so Klammer.

Laut Verbraucherschutz haben Betroffene meist gute Chancen, ihr Geld vom Drittanbieter zurück zu erhalten, wenn sie dem Vertragsabschluss widersprechen und mit rechtlichen Schritten drohen.

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erstellt am 15.Okt.2014 | 11:30 Uhr

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