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Dreyklufts Netzwelt : Sicheres Internet für Diktatoren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit dem Holzhammer oder technisch anspruchsvoll – Machthaber gehen sehr verschieden an die Internetzensur heran, schreibt Kolumnist Joachim Dreykluft.

von
erstellt am 02.Apr.2014 | 00:15 Uhr

An dieser Stelle geht es gewöhnlich um das Thema Sicherheit aus Perspektive des Nutzers: Wie lassen sich Gefahren und Begegnungen mit Kriminellen vermeiden? Heute ein Perspektivenwechsel: Wie kann ein Regierungschef, der Angst vor Kritik hat, das Netz aus seiner Sicht „sicher“ machen?

Ein Beispiel liefert Recep Tayyip Erdogan, Premier der Türkei, der sich im Internet vor Kommunalwahlen von Feinden umzingelt sah und Twitter wie Youtube sperren ließ.

Er benutzte dabei quasi den Holzhammer der Internetzensur: Er ließ die Seiten, die ihm nicht gefielen, auf den sogenannten DNS-Servern sperren. Die werden auch als „Telefonbuch des Internets“ bezeichnet und übersetzen etwa „shz.de“ in eine Ziffernfolge, die der Rechner versteht, auf dem die Seite shz.de liegt. Kennt der DNS-Server „shz.de“ oder „twitter.com“ nicht, ist die Seite nicht mehr erreichbar. Dieses „Telefonbuch“ stellt in der Regel der Internetanbieter zur Verfügung, lässt sich aber leicht auswechseln. Einfach „DNS Server ändern“ googeln. Das hat sogar Staatspräsident Abdullah Gül hinbekommen, der trotz Sperre fleißig weitertwitterte (twitter.com/cbabdullahgul).

Für Erdogan, das wurde deutlich, ist Internetzensur Neuland. Doch das muss uns, die wir die Meinungsfreiheit im Netz schätzen, nicht beruhigen. Denn der internetkundige Gewaltherrscher verwendet längst „Deep Packet Inspection“. Dabei wird die gesamte Internetkommunikation, die in ein Land wie etwa China geht, überwacht und bei Nichtgefallen gesperrt. Auch das lässt sich natürlich austricksen, ist aber technisch sehr viel anspruchsvoller als bei DNS.

Die Internetkünstler unter den Diktatoren sperren nicht ganze Websites, sondern die Inhalte, die ihnen konkret nicht passen. Twitter bleibt erreichbar, nur einzelne Beiträge sind gesperrt. Das Problem für den Nutzer: Wenn man nicht genau weiß, welche Inhalte einem vorenthalten werden, ist es bedeutend schwerer, die Sperren zu umgehen. So weit ist „Sperrdogan“ noch nicht. Die Wahlen hat er dennoch gewonnen. Aber nicht wegen, sondern trotz seiner Internet-Zensur.

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