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Dirks’ Netzwelt : Schädliche Modeerscheinung?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Internet-Skeptiker gibt es viele. Doch Urheberrechtsverletzungen oder Betrug sind älter als das Netz.

Vielleicht hat Mutter doch Recht. Vielleicht ist das Internet nur eine schädliche Modeerscheinung, so wie der VHS-Rekorder, bei dem hat sie das auch gesagt, damals, 1985. „Darüber redet in zehn Jahren kein Mensch mehr!“ lautete ihr Urteil und damit war das Thema bei uns zu Hause erledigt. Und irgendwie hat sie ja Recht behalten. Oder hat jemand heute noch einen Videorekorder im Wohnzimmer stehen?

Heute, mit Anfang 70, ist meine Mutter folgerichtig dogmatische Internet-Totalverweigerin und dürfte damit sogar in ihrer Altersklasse einer Minderheit angehören. Sie hatte damit bis vor Kurzem keinen leichten Stand. Selbst Briefmarkensammeln – typisches Hobby älterer Herren – geht online mithilfe von Ebay nochmal so gut. Und selbst gesetzte Damen skypen mit ihren in Übersee lebenden Kindern heutzutage, dass die Datenleitungen glühen. Dennoch: Der Wind scheint sich zu drehen. Die warnenden, teils sogar das Netz verdammenden Stimmen gewinnen an Lautstärke.

Jaron Lanier hat jüngst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ein netz-kulturpessimistisches Werk erhalten. Vom Paulus zu Saulus. Mutter gönnt ihm sicher den Preis, Obwohl sie sein Buch natürlich nicht gelesen hat. Und muss nicht gerade der Jurist – auf dessen Schreibtisch sich Akten voller Urheberrechtsverletzungen, WhatsApp-Beleidigungen und illegal über’s Netz verschickter Nacktbilder stapeln – rufen: Jaron! Mama! Ihr hattet Recht! Wer schaltet dieses Teufelszeug endlich ab?

Ein genauerer Blick könnte lohnen. Denn der Fall der über’s Netz verschickten Nacktbilder zum Beispiel richtet sich rechtlich gesehen nach dem Kunsturhebergesetz, das nicht etwa 1996, sondern 1907 erfunden wurde. Der tote Bismarck stand damals Pate, der durch den aufkommenden Fotojournalismus in seiner Würde beeinträchtigt wurde. Das Urheberrechtsgesetz datiert im Wesentlichen von 1965. Die darin verbotenen Verhaltensweisen haben also weder WhatsApp noch Facebook hervorgerufen. Und selbst der „Nigerian Scam“, also die E-Mail-Betrugsmasche rund um das Geld angeblich Verstorbener auf verwaisten Bankkonten, ist viel älter als sein heutiges Trägermedium: Das gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts per Brief. Dass also nicht das Netz, sondern der Nutzer für das Schlimme, was im Netz zu finden ist, verantwortlich ist, mag eine banale Erkenntnis sein. Dass eine Welt ohne Internet keine bessere wäre, bleibt aber trotzdem richtig.

> Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und bloggt unter www.dirks.legal

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erstellt am 26.Okt.2014 | 10:24 Uhr

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