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Social-Media-Schrottplatz : Relaunch von ICQ: Gelingt das erste Digital-Revival?

vom
Aus der Onlineredaktion

ICQ 10 kommt mit Video-Funktion und soll bei WhatsApp und Skype wildern. Doch digitale Wiederbelebungen sind eigentlich nie erfolgreich.

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2016 | 17:02 Uhr

Moskau | Anders als bei Marken, Mode und dergleichen sind Comebacks in der Internet-Evolution quasi unmöglich. Dinge des digitalen Alltags verschwinden nicht einfach, sie werden „überwunden“. Innerhalb von Monaten können total angesagte soziale Netzwerke vom Monopol auf den Friedhof der Redundanz wandern. Im Boxsport sagt man auch: „They never come back“. Irgendwann aber muss es doch gelingen, dieses virtuelle physikalische Gesetz in Luft aufzulösen. Der nächste Versuch dazu ist jetzt unternommen: Das unvergessene ICQ lehnt sich auf.

Ende der 1990er-Jahre war der damals revolutionäre Messenger („I Seek You“=„Ich suche dich“) der letzte Schrei. Doch das euphorische „giek-gaak“ der Empfangslaute war schon vor Beginn der Smartphone-Schwemme weitestgehend verstummt. Auf alten Rechnern geblieben ist vielleicht noch die Grundinstallation mitsamt der lästigen Adware, die die Software bei Unachtsamkeit mit sich brachte.

Jetzt kommt der Tastatur-Quäler mit neuen Funktionen zurück, mit denen er mit WhatsApp, Google Hangouts und Skype User abgrasen will. Mit der Version ICQ 10 können Nutzer neben Gruppenchats auch Videotelefonie in hoher Qualität nutzen. Das ist zumindest ein Vorteil gegenüber Marktführer WhatsApp. Zudem soll es mit der optisch aufgehübschten Version möglich sein, auch höhere Datenmengen zu verschicken. Eine Palette von noch mehr Emojis und Stickern als früher soll die Texte kürzer halten. Wer ICQ 10 nutzt, darf sich jetzt über eine Synchronisierung des Gesprächsverlaufs – wie bei Facebook-Chats bereits etabliert – freuen. Somit spricht die neue Version weiterhin PC-Nutzer an, kann aber die Brücke zu den Mobilgeräten bauen – ein Geschäftsmodell, das Skypes Position am Markt trotz mächtiger Konkurrenz stärkt. Zudem lässt sich der neue Messenger für Android, iOS und PC auch mit sozialen Netzwerken koppeln. Das allerdings konnten vor sechs Jahren schon Produkte wie der vergessene Multimessenger von GMX.

Grüße aus Moskau: ICQ rollt die Werbetrommel.
Grüße aus Moskau: ICQ rollt die Werbetrommel. Foto: Screenshot Facebook

ICQ, das zur russischen Mail.ru Group gehört, gelingt es mit dem Revival jedoch nicht, ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal zu generieren, das eine neue Völkerwanderung im Web in Gang setzen könnte. Mit Anpassung an zeitliche Standards und etwas Aufhübschung ist es im Bereich der sozialen Netzwerke und Messenger noch nie auch nur annähernd zu einem erfolgreichen Revival gekommen.

 

Bei MySpace spielt nur noch die Musik

Zehn Jahre her: World Wide Web mit MySpace und dem Netscape-Navigator.
Zehn Jahre her: World Wide Web mit MySpace und dem Netscape-Navigator. Foto: Imago
 

Unternehmerische Entscheidungen mit Tragweite hat Rupert Murdoch häufig blitzschnell getroffen, selten lag der Instinkt-Unternehmer damit so falsch wie 2005, als er mit Facebook hätte kooperieren können, stattdessen MySpace kaufte und eine halbe Milliarde Dollar in den Sand setzte. MySpace war damals der größte Treffpunkt für junge Leute im Internet – und geriet rasch (auch aufgrund von eklatanten Sicherheitsmängeln) in die Bedeutungslosigkeit. 2014 wagte man einen Relaunch und konzentrierte sich vor allem darauf, ein soziales Musikportal zu werden. In Konkurrenz zu Facebook trat MySpace – inzwischen beim Time-Verlag nebst Popstar Justin Timberlake – damit nicht: Sogar der Login über das größte Netzwerk der Welt wurde ermöglicht. Den weiteren Absturz konnte man trotz der Bemühungen nicht verhindern. 2010 noch unter den weltweiten Top-16 der meistbesuchten Seiten, stürzte man auf Rang 1.464 (Dezember 2014) und weiter auf Rang 1.650 (Dezember 2015) ab.

 

Studivz: Der ungedrückte Button

StudiVZ wurde einst viel genutzt, dann brachen die Zahlen ein.

StudiVZ wurde einst viel genutzt, dann brachen die Zahlen ein.

Foto: dpa
 

„Es bleibt die Frage, wie viele Menschen das überhaupt noch mitbekommen“, schrieb der „Spiegel “ 2011 zum geplanten Relaunch in der Zombie-Stadt „Studivz“. Der Niedergang der VZ-Netzwerke war eine weitere Leiche in Facebooks Keller. Von dem ominösen Button, mit dem man das neue VZ-Design aktivieren sollte, bekam kaum noch jemand etwas mit, der so genannte „Buschfunk“ war lange zugewuchert. Und die „Gruppen“ – eigentlich von Beginn an das Tollste an der Sache – hießen nun „Themen“. Irgendwann kam für alle der Tag, an dem sie sich nicht mehr einloggten. Er wurde zur Routine. Das „deutsche Internet“ war nicht zu retten – schließlich waren die VZ-Freunde auch bei Facebook. „SchülerVZ“ – die kleine Schwester der Studentenseite – wurde 2014 abgeschaltet. Der Rest besteht in merkwürdiger Stille.

 

Wer kennt noch: Werkenntwen.de?

Foto: Waybackmachine
 

www.wer-kennt-wen.de war einmal eines der erfolgreichsten deutschen Netzwerke. Im Zuge der „Facebookisierung“ ging es auch für das Produkt der RTL-Gruppe ab 2010 in die falsche Richtung. Dennoch gehörte die Seite 2013 noch immer zur Liste der Top-10 in Deutschland. Ein teurer Relaunch sollte dem Netzwerk neues Leben einhauchen, doch die Sache ging voll nach hinten los. Wiedererkennungswerte blieben bei der kaum noch zu navigierenden Seite aus, die Nutzer mieden WKW fortan. Ein halbes Jahr später war die Seite eingestanzt.

 

Windows Live Messenger

Foto: dpa

Der Windows Live Messenger von Microsoft ging als Nachfolger des MSN Messengers an den Start. Letzterer ließ sich schon mit dem Betriebssystem Windows 95 nutzen. Laut den Nutzungsbedingungen erlaubte man im WLM den Mitschnitt von Nachrichten und E-Mails. Das trug dazu bei, dass Microsoft den Ruf einer Datenkrake bekam. Der Dienst hatte weltweit über 300 Millionen Benutzer (bei ICQ waren 2009 über 470 Millionen Nutzer registriert), was auch daran lag, dass er zur Grundausstattung von Windows XP gehörte. Am 6. November 2012 kündigte Microsoft an, den Windows Live Messenger einzustellen. Skype hatte den hauseigenen Messenger bezwungen – und wurde aufgekauft.

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