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Nach Cyber-Attacke auf TV5 Monde : Prof. Dr. Herbert Zickfeld im Interview: „Angriffe werden dramatisch zunehmen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Prof. Dr. Herbert Zickfeld von der Kieler Fachhochschule befürchtet, dass die Cyber-Attacke in Frankreich erst der Anfang war und die Gefahr von Wirtschafts- und Industriespionage größer wird.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2015 | 12:12 Uhr

Herr Prof. Zickfeld, hat Sie die Meldung überrascht, dass Terroristen in der Lage sind, mal eben einen französischen Fernsehsender lahmzulegen?

Nein, es hat mich nicht überrascht. Es hat in der Vergangenheit bereits zahlreiche Cyber-Angriffe gegeben. Erinnern wir uns: 1982 Sabotage der sowjetischen Gas-Pipeline. Das löste die bisher größte nicht-nukleare Explosion aus. 2007 Cyber-Krieg gegen Estland, 2010 Cyber-Angriff auf iranische Atomanlage, 2014 spektakulärer Angriff auf Sony Pictures. Und dazu die vielen Attacken, denen wir täglich im Internet ausgesetzt sind. Was haben wir wirklich daraus gelernt? Haben wir darauf ausreichend reagiert?

Das fragen wir Sie.

Jeder suche die Antwort bei sich selbst. Wer denkt an ausreichenden Schutz, wenn er sein Smartphone oder den Computer nutzt? Auch der französische Fernsehsender war offensichtlich zu blauäugig.

Müssen wir uns auf immer häufigere Cyber-Angriffe einstellen?

Aufgrund der vielen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Konflikte werden derartige Angriffe dramatisch zunehmen. Doch denken Sie nicht nur an Terror-Attacken. Die großen Geheimdienste verfügen über hervorragendes Wissen, um Wirtschaftsspionage zu betreiben. Und es gibt weltweit eine große Zahl von Menschen, Unternehmen und Organisationen, die in der Lage sind, Cyber-Angriffe durchzuführen.

Problematisch wird es allerdings, wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich die Gruppe, die TV Monde angegriffen hat, noch im Übungsstadium befindet und möglicherweise eines Tages Angriffe auf die Infrastruktur eines Landes starten wird.

Gibt es einen Schutz gegen solche Attacken?

Den absoluten Schutz gegen solche Attacken wird es nicht geben, denn die vernetzte Welt lässt sich überall und von überall angreifen. Wir können aber die Risiken durch verschiedene Maßnahmen wie Abwehrtechnologien, internationale Abkommen, vorsichtigen Umgang mit dem Internet usw. einschränken. Trotzdem: Wir zahlen einen hohen Preis für die internetgestützten Technologien.

Kaum waren Sie Anfang des Jahres als Präsident der FH Flensburg in den Ruhestand verabschiedet, traten sie in Kiel eine Professur an, um im Bereich der Wirtschafts- und Industriespionage zu forschen. Was fasziniert Sie an diesem Gebiet, das an den deutschen Hochschulen eher ein Schattendasein lebt?

Das ist es doch gerade. Die Wirtschafts- und Industriespionage ist eine große Bedrohung für deutsche und europäische Unternehmen. Eine aktuelle Studie der Sicherheitsberatung Corporate Trust schätzt den Schaden der Industriespionage für die deutsche Wirtschaft pro Jahr auf 11,8 Milliarden Euro. Trotzdem ist mir keine deutsche Hochschule bekannt, die dieses wichtige Thema ausreichend in die Lehre eingebettet hat. Dabei sollten Grundkenntnisse über diesen Themenkomplex in den meisten Studiengängen zum ganz normalen Hochschulunterricht gehören.

Kommt den Hochschulen diese Erkenntnis nicht reichlich spät?

Sie haben leider recht: Die Hochschulen haben auf diesem Gebiet geschlafen wie viele kleinere und mittlere Unternehmen auch. Zur Ehrenrettung: Die Lehrpläne wurden verdichtet, der Wettbewerb auf den Märkten wird immer härter. Da konzentriert sich jeder auf die operativen Dinge, die aktuell erledigt werden müssen. Das böse Erwachen kommt erst, wenn man Spionageopfer geworden ist.

Das gilt erst recht für Wirtschaftsunternehmen.

Völlig richtig. Da steht oft plötzlich die ganze Existenz eines Unternehmens auf dem Spiel. Die Wirtschafts- und Industriespionage betrifft ja nicht nur den technisch-industriellen Komplex, sondern ebenso den ökonomischen Bereich – also die Strategie, das Marketing, Beschaffung, Kalkulation, Angebote.

Haben die großen Unternehmen nicht spätestens mit den Enthüllungen von Edward Snowden die Gefahr erkannt und die Sicherheitsvorkehrungen erhöht?

Große Konzerne sind alarmiert und auch relativ abwehrbereit. Aber viele kleine und mittlere Unternehmen – die KMU’s – verfügen häufig nicht über eine entsprechende Sicherheitsinfrastruktur. Dabei sind sie durch Spionage oft finanziell noch verletzbarer als große Konzerne. Und sie sind besonders häufig Ziel von Spionageangriffen. Da Sie gerade den Namen Snowden erwähnen. Ich denke, wir sollten in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung der verschiedenen Nachrichten- und Geheimdienste nicht unterschätzen. Sie mischen auf diesem Gebiet kräftig mit.

Warum ist der Mittelstand besonders gefährdet?

Deutschland lebt nicht nur von Siemens, Bosch oder Daimler. Wir haben einen stark technologie- und innovationsorientierten Mittelstand, der sich auf den Weltmärkten behaupten muss. Denken Sie beispielsweise an den Maschinenbau, der weltweit führend und deshalb extrem gefährdet ist.

Gibt es Schätzungen, wie viele kleinere und mittlere Unternehmen Opfer von Industriespionage werden?

Die Schätzungen schwanken, die Dunkelziffer ist hoch. Manches Unternehmen befürchtet einen Imageverlust, wenn es eingesteht, ausspioniert worden zu sein. Also schweigt es.

Auf welchen Wegen findet Spionage statt?

Es gibt viele Wege. Das geht von der Bestechung oder Erpressung von Personal, das über bestimmte Informationen verfügt, bis zum Einsatz modernster Spionagetechnologien. Sie können sich heute im Supermarkt für 25 Euro eine Uhr kaufen mit einem hochminiaturisierten Videosystem. Und wir haben die Cyberspionage. Spione dringen in Rechner ein. Vergessen Sie nicht: Spionage kann auch die Vorstufe zur Sabotage sein.

In etlichen industriellen Steuerungssystemen sind heute Schläfersysteme versteckt, die nicht nur die Produktion in Unternehmen, sondern ganze Infrastrukturen lahmlegen können, wenn sie scharf geschaltet werden. Nehmen Sie die Energie- oder Wasserversorgung. Sie müssen heute keine Raketen abfeuern, um ganze Regionen ins Chaos zu stürzen.

Ist der einzige Ausweg, sensible Steuerungsnetze vom Internet abzukoppeln?

Ja, es gibt zunehmend geschlossene Netze. Aber erstens ist das noch kein hundertprozentiger Schutz, und zweitens verrät das Internet Wirtschafts- und Industriespionen unglaublich viel über Unternehmen und vor allem über Personen, die über sensibles Wissen verfügen. So kommen Spione leichter denn je an Wissensträger heran, die – wie auch immer – abgeschöpft werden können. Besonders kritisch sind in diesem Zusammenhang soziale Netzwerke und diverse Smart-Technologien.

Wie wollen Sie auf einem Gebiet erfolgreich sein, wo sie es mit so mächtigen Gegnern zu tun haben?  Nachrichtendienste betreiben Wirtschaftsspionage, während die Industriespionage mit immer ausgefeilterer Technik zur Konkurrenzausspähung eingesetzt wird.

Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich, der interdisziplinärer ist als die Wirtschafts- und Industriespionage. Da geht es um modernste Kommunikations- und Informationstechnologien, um Bestechung, Erpressung, Sabotage, Psychologie und Parapsychologie, es geht um Betriebs- und Volkswirtschaft. Selbst Drogen und spezifische Psychopharmaka sind im Spiel. Ich weiß, worauf ich mich einlasse.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf dieses Forschungsgebiet?

Vor meiner Zeit an den Hochschulen war ich beim Bundesgrenzschutz. Dort war ich im Bereich der Sicherheit und des personellen und materiellen Geheimschutzes eingesetzt. Daraus resultierte die Motivation, eine Diplomarbeit zu diesem Thema zu schreiben. Seit dieser Zeit hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. 1975 habe ich die erste wissenschaftliche Arbeit über Mittel und Methoden der Wirtschaftsspionage und des betrieblichen Geheimschutzes verfasst.

Wie soll Ihre Arbeit Unternehmen helfen?

Ich möchte mit dieser Arbeit dazu beitragen, dem Mittelstand das Wissen und Analyseinstrumente an die Hand zu geben, um erstens das Bewusstsein zu entwickeln für das Ausspähungsrisiko. Und zweitens einen Handlungskatalog erarbeiten, was vorbeugend gemacht werden kann und wie reagiert werden muss, wenn der Spionagefall eingetreten ist.

Wie soll das Wissen, das Sie im Forschungssemester aufbauen, in die Unternehmen transportiert werden?

Zunächst müssen die Fach- und Führungskräfte von morgen an den Hochschulen fit gemacht werden. Grundkenntnisse über diesen Themenkomplex sollten fest zum Hochschulunterricht gehören – vor allem in den Bereichen Technik, Wirtschaft und Informatik. Ein Ingenieur, der nach dem Studium in ein Unternehmen geht, muss wissen, wo die Spionagegefahr lauert, welche Strategien Wirtschafts- und Industriespione verfolgen, wie man sich dagegen wappnen kann. Dazu werde ich Lehreinheiten entwickeln.

Steht am Ende ein Handbuch mit dem Titel „Wie schütze ich mein Unternehmen vor Wirtschafts- und Industriespionage?“

(lacht) Ja, tatsächlich, ich plane die Herausgabe eines Handbuchs. Schließlich möchte ich mit der Wirtschaft über dieses Thema in den Dialog treten. Deshalb ist auch eine enge Zusammenarbeit mit Organisationen und Unternehmen geplant. Der aktuelle Cyber-Angriff in Frankreich zeigt, dass wir die Gefahr nicht länger verharmlosen dürfen. Ein TV-Schirm, der schwarz bleibt, geht vielleicht noch. Aber was, wenn das Stromnetz ausfällt?

 

Interview: Stephan Richter, Stefan Lipsky

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