zur Navigation springen

Lorenz' Netzwelt : Pillen von Dr. Google?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Internetfirmen werden die Medizin verändern – aber anders als Nutzer vielleicht denken.

Ich bin krank. Etwas. Ein wenig. Mein Arzt hat mir das alles erklärt. Junge Leute würden sich die Sachen heutzutage ergooglen, sagte der Mediziner. Das erscheint nur folgerichtig. Schließlich weiß Google alles. Und Google betreibt in seinen Laboren medizinische Forschung. Der Traum des digitalen Wartezimmers und der selbstgestellten Diagnose per Suchmaschine müsste somit kurz vor der Erfüllung stehen. Doch weit gefehlt.

Die Wahrheit ist: Kaum ein Versprechen, das über Google, das Netz und seine künftige Rolle in der Medizin verbreitet wurde, hat sich bewahrheitet. Der Versuch des Suchmaschinen-Riesen Grippe-Epidemien oder die Ausbreitung des Dengue-Fiebers mit Hilfe des Internets vorherzusagen, ist krachend gescheitert. Aus den hektischen Suchmaschinen-Anfragen von Hypochonder-Nutzern lassen sich eben keine Krankheiten diagnostizieren und auch keine Krankheitsverläufe ablesen. Wer unter Nachtschweiß, Fieber und Übelkeit leidet, also letztlich Allerwelts-Symptomen, bekommt als erste Diagnose von Google eine Krebs- oder Bluterkrankung als Ursache geliefert. Zutreffend dürfte das – gottseidank – nur äußerst selten sein. Die Ergebnisse der meisten Medizin-Apps zur Selbstdiagnose kommen bis heute letztlich einem Würfelspiel gleich.

Dass Google und Co. die Medizin am Ende dennoch massiv verändern werden, steht außer Frage. Doch anders als es mancher Gesundheits-Surfer sich vielleicht denkt. Mit den Milliarden, die der heutige Alphabet-Konzern durch irre Seiten-Klick-Orgien seiner Hypochonder-Nutzer einsackt, könnte er in den kommenden Jahren zu einem der größten – oder zumindest innovativsten – Medizin-Produkte-Entwickler der Welt aufsteigen. In den Laboren des US-Unternehmens wird an Kontaktlinsen für Diabetes-Patienten, an Nano-Pillen für innere Untersuchungen und vielem mehr gearbeitet. Das ist höchst beeindruckend. Doch mit seiner Suchmaschine hat es nur insofern zu tun, als dass diese das Geld für diese Forschung liefert. Das Wissen selbst stammt hingegen von echten Wissenschaftlern. Online-Patienten sollte das zu denken geben. Ich jedenfalls überlasse die Diagnosen in Zukunft lieber wieder dem Arzt aus Fleisch und Blut.

zur Startseite

von
erstellt am 18.Feb.2016 | 18:35 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen