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Onlinesucht „Synapsen sind durchgebrannt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manche Menschen können ihren Internetkonsum nicht mehr kontrollieren. Die Folgen einer Onlinesucht gleichen einer Drogenabhängigkeit, wie ein Beispiel aus Berlin zeigt.

Die Online-Spiele-Branche boomt. Mit 2,8 Milliarden Euro im Jahr macht sie fast so viel Umsatz wie die Fußballbundesliga. Das Spielen macht aber nicht nur Spaß, es fordert auch Opfer. Laslo Pribnow zum Beispiel war computerspielsüchtig. „Ich habe gestunken, mein Zimmer hat geschimmelt, ich habe zu wenig gegessen“, erzählt der 29-jährige Berliner. „Ich konnte mich selber nicht mehr im Spiegel anschauen, und ich habe mich für mein Leben geschämt.“

Das wohl bekannteste Spiel „World of Warcraft“ hatte zu Spitzenzeiten weltweit mehr als zwölf Millionen User. Weitere Verkaufshits sind „Counterstrike“, „League of Legends“ und „Dota 2“. Ob Rollen- oder Strategiespiele, oft steuert der Nutzer Fantasiefiguren durch eine virtuelle Welt und verbessert deren Fähigkeiten nach und nach. „In den meisten Fällen ist das Spielen am Computer kein Problem“, sagt Gordon Schmid von der Suchtberatungsstelle „Lost in Space“ in Berlin. Der Dienststellenleiter des Caritasprojekts und sein Team widmen sich jenen, die ihre Zeit am Rechner nicht alleine reduzieren können. „Gefährlich wird es, wenn der Internetkonsum so ausufert, dass die Betroffenen die Kontrolle über ihr reales Leben verlieren.“ Genau das ist Laslo Pribnow passiert: Mit zwölf Jahren bereits zockt er so viel, dass seine schulischen Leistungen leiden. Er wird jedoch von seiner Mutter kontrolliert. Mit 17 Jahren zieht er von Zuhause aus, damit er so viel spielen kann, wie er will. Pribnow vernachlässigt Freunde, Familie und Verwandte. Irgendwann macht er seinen PC gar nicht mehr aus und verlässt sein Zimmer nicht mehr.

Laut Schmid beschreibt Pribnow damit einen typischen Fall von Internet- und Computerspielsucht. Der Lebensmittelpunkt verschiebe sich von draußen nach drinnen. Und der Erfolg im Spiel wird wichtiger als der in Schule und Beruf.

Computerspielsucht ist in Deutschland nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. In den USA definiert das gängige Diagnosehandbuch neun Verhaltensweisen, die bei Betroffenen auftreten können. Die meisten dieser Kriterien erfüllte Pribnow. Egal wo er ist, seine Gedanken kreisen ums Spielen. Er lügt, um länger zocken zu können. Er verliert soziale Kontakte. Er gefährdet massiv seine Karriere, bricht sein zweites Studium ab. Wenn er nicht am PC sitzt, wird er unruhig und gereizt.

2014 begreift Pribnow, dass er ein ernstzunehmendes Problem hat – nach vielen Versuchen seiner Mutter und seines besten Freundes, einzuschreiten. „Ich hatte tierische Wut auf mich. Ich dachte, wie bescheuert bist du eigentlich, dass du die ganze Zeit in die falsche Richtung gerannt bist.“

Pribnow machte eine sechsmonatige Therapie in einer Spezialklinik.Danach fühlt er sich geheilt. Doch als er sich das erste Mal wieder an ein PC-Spiel wagt, eskaliert die Situation. „Ich habe versucht, kontrolliert zu zocken, und bin damit gegen die Wand gefahren. Aus zwei Stunden wurden acht Stunden. Ich habe die Kontrolle verloren.

Meine Synapsen sind durchgebrannt, wie bei einer stofflichen Sucht. Es ist keine Frage des Willens, ich bin einfach krank.“

Für Schmid zeigen diese Worte die enorme Kraft das Internets – und dass es höchste Zeit ist, sich dem Problem der Medienabhängigkeit deutschlandweit zu widmen. Denn Pribnow ist mit seinen Erfahrungen nicht allein: Eine Studie der Krankenkasse DAK zeigte Ende 2016, dass 5,7 Prozent der Jugendlichen ihren Internetkonsum nicht unter Kontrolle haben. Jungs trifft es häufiger als Mädchen.

Obwohl Internetsucht ein relativ junges Phänomen ist, gibt es in Deutschland knapp tausend Einrichtungen, in denen Abhängige Hilfe bekommen. Experten empfehlen vor allem Angehörigen, sensibel zu sein und anhand der US-Kriterien zu überprüfen, ob das Kind nur Spaß am Spielen oder ohne Spiele keinen Spaß mehr am Leben hat.

Nur mit Abstinenz schaffte es Pribnow, die Welt aus der Steckdose hinter sich zu lassen. Er machte eine Ausbildung zum Erzieher, versöhnte sich mit seiner Familie und blickt wieder positiv in die Zukunft: „Ich habe Lust aufs Leben, ich habe Lust, Nähe einzugehen, eine Beziehung zu führen. Ich möchte mich Herausforderungen stellen, Konflikte bewältigen. Ich bin kein Schisser mehr.“

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