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Digital Detox : Offline und Sonnenschein

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Man braucht keine Detox-Apps, um weniger Zeit im Netz zu verdaddeln. Dafür gibt es den Service der Provider.

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erstellt am 26.Mai.2017 | 11:33 Uhr

Sich bei  Sonnenschein drinnen zu verkriechen, erzeugt manchmal so ein diffuses Schuldgefühl. Gutes Wetter verpflichtet. Besonders, wenn man im Netz nichts Besonderes vorhat. Der eine scrollt sich vielleicht  gelangweilt durch lauwarme Witze in Sozialen Medien, andere feilen am Punktestand im Lieblingsspiel oder suchten eine neue Serie.

Aus diesem komischen Schuldgefühl hat sich unter dem absurden Namen Digital Detox eine ganze Industrie entwickelt, die dabei helfen soll, den Verführungen der Pixelparadiese zu entsagen. Es gibt Apps, Reisen, Hotels und eine ganze Armada von Ratgebertexten. Dabei geht das alles viel effektiver. Das Erfolgsgeheimnis lautet rattenschlechter Provider-Service. Denn wenn erst einmal das Internet ausfällt, wird man so lange hilflos beraten und vom Techniker versetzt, bis der Entzug gemeistert ist.

Zunächst einmal startet die Entwöhnung. Der Anschluss fällt ohne Vorwarnung aus und eine werbereiche Telefonautomatik an der Hotline sorgt dafür, dass sich eine gesunde Aversion gegenüber der Technik aufbaut. Nur wer das Robo-Gespräch lange genug verweigert, wird mit einem echten Menschen verbunden. Diese lassen durchaus freundlich und hilfreich eine gewisse Verbundenheit aufkeimen. Man wiegt sich für ein paar Tage in der Zuversicht, dass das Internet wieder da sei, sobald der Techniker kommt. Doch hier greift das Spezialprogramm.

Der Techniker – so es überhaupt einen gibt – lässt einen zwei Mal vier Stunden lang umsonst zu Hause warten. So entdeckt man die volle Bandbreite der lange aufgeschobenen Offline-Aktivitäten wieder, denn das Datenvolumen der Mobiltarife ist inzwischen schon längst aufgebraucht. So sauber waren die Fenster schon lange nicht mehr und plötzlich sind die Zimmerpflanzen umgetopft. Der Stapel der ungelesenen Bücher schrumpft auf wundersame Weise. Und während die Dame an der Servicehotline einen dritten Termin für das mysteriöse Fabelwesen Techniker einloggt, zuckt man leise mit den Schultern und bereitet sich auf weitere vier Tage ohne Internet vor und vier Stunden Warten ohne Erwartung.

Doch inzwischen interessiert ohnehin kaum noch, was es für neue lauwarme Gags auf Facebook gibt, noch welche altklugen Sprüche auf Twitter kursieren. Vielleicht sollte sich der Provider lieber in Vier und Vier umbenennen und sein gewieftes Entzugsprogramm besser vermarkten. Dann würden weniger Kunden den Ausfall als Panne beschimpfen, sondern hätten die Auswahl zwischen den Tarifen „Digital Detox Surprise XXL“, „Achtsamkeits-Flat Basic“, „Zen des ziellosen Wartens“ oder „Offline and Sunshine“.

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