zur Navigation springen

Computerexperten : Nerd ist das neue Normal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Blass mit Brille, Pullunder, sozial nicht sonderlich kompetent und nur für Computer und Science Fiction zu begeistern – so stellen sich viele Menschen den „klassischen“ Nerd vor. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß?

„Nerds werden immer normaler“, sagt Sebastian Müller. Der Masterstudent der Angewandten Informatik an der Hochschule Flensburg entwickelt als Mitgründer des Start-ups „Sourceboat“ selbst Apps. Auch wenn er sich selbst nicht als Nerd bezeichnet – dass nicht jeder seine Leidenschaft teilt, ist dem 29-Jährigen klar. Doch statt eines irritierten Blicks, wenn er von seiner Programmier-Tätigkeit erzählt, erhält er interessierte Rückfragen: „Kenne ich die App?“, wollten viele wissen. „Früher war das ein Hexenwerk, mit dem sich irgendwelche Freaks beschäftigt haben“, sagt Müller. „Inzwischen bestimmt diese ganze Computertechnik unseren Alltag.“

Selbst wenn kaum ein Nutzer wisse, wie die Technologien funktionierten, eine Vorstellung davon, was bei der Programmierarbeit der Entwickler herauskommt, hätten inzwischen die meisten. „Nerds sind keine Randgruppe mehr, sondern Menschen, die mir helfen, dass mein Alltag besser wird“, sagt Müller. Die klassischen Nerds hingegen gebe es nach wie vor, „nur gehen die in der Masse der Leute, die sich mit diesem Thema beschäftigen, unter“.

Trotz der Entwicklung ist der Begriff des Nerds vielfach noch negativ konnotiert: Ein Nerd gelte als Mensch, der so fokussiert auf ein Thema ist, dass er die Dinge links und rechts von ihm nicht mehr richtig wahrnimmt, versucht Müller eine Definition. Vielleicht aber auch deswegen, weil beispielsweise die Welt der Programmcodes für sie besser zu kontrollieren sei, als die komplexe Außenwelt mit ihren gesellschaftlichen Regeln, sagt Michael Teistler. „Vielleicht sind Nerds auch besonders schüchtern und sensibel“, sagt der Professor am Fachbereich Information und Kommunikation der Hochschule Flensburg.

In den Reihen seiner Studenten vermutet er aber gar nicht so viele Nerds – und das sei auch gut so, denn dieser besondere Schlag Mensch sei nicht automatisch auch ein guter Informatiker oder Entwickler, sagt Teistler. Zwischenkompetenzen seien immer stärker gefragt auf dem Arbeitsmarkt – „da kommt man nicht weiter, wenn man nur nerdig drauf ist“. Ein Entwickler beispielsweise müsse mit Menschen interagieren und kommunizieren können, Anforderungen an Produkte oder Konzepte absprechen. „Man kann nicht einfach nur so programmieren – das funktioniert spätesten im Berufsleben, aber eigentlich auch schon im Studium nicht“, so Teistler.

Doch ist ein Nerd zwangsläufig Informatiker oder Programmierer? „Nerd wird eher in Zusammenhang gebracht mit Leuten, die Anwender sind“, sagt der Informatik-Professor, „die also Computerspiele spielen oder sich in Foren und Chatrooms herumtreiben“. Doch: „Viele, die sich für so etwas interessieren, werden auch Informatiker, die programmieren und entwickeln.“ Auch Teistler selbst habe früher gerne Spiele programmiert, sagt er. Gespielt habe er hingegen kaum: „Vielleicht war ich kein typischer Nerd, aber ein typischer Informatiker?“

Steckt also doch ein gewisser Erfindergeist in dem Begriff? „Nerds sind Vorreiter, die sich mit irgendetwas exzessiv beschäftigen“, so Müller. Außerdem sei es beispielsweise bei Informatikern unabdingbar, dass sie in der Lage sind, Lösungen für komplexe Probleme bieten zu können: „Ich muss eine Lanze brechen für die Nerds“, sagt Teistler, und meint damit jene, die nicht nur Anwender sind: „Die Entwicklung einer Softwarearchitektur oder eine Lösung für ein Problem zu finden, ist in der Regel hochkreativ.“ Und das werde inzwischen honoriert: Menschen mit solchen Fähigkeiten seien im Internetzeitalter diejenigen mit den guten Jobs – vielleicht seien es sogar Menschen, die die Welt veränderten, sagt Teistler: „Facebook, Whatsapp, Google – das ganze Silicon Valley, das sind alles Nerds, die das da aufgezogen haben. Das hat unsere Gesellschaft revolutioniert.“

zur Startseite

von
erstellt am 25.Dez.2016 | 15:34 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen