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Bann der Raw-Dateien : Nachrichtenagentur Reuters boykottiert bearbeitete Fotos

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Aus der Onlineredaktion

Die Nachrichtenagentur Reuters will keine bearbeiteten Pressefotos mehr veröffentlichen. Dafür gibt es zwei Gründe.

London | Für die internationale Nachrichtenagentur Reuters widerspricht der Geist der in höherwertigen Foto-Kameras etablierten Raw-Dateien den Prinzipien des verantwortlichen Journalismus. Um der Verzerrung der Realität im Bild ein Ende zu bereiten, hat die Londoner Agentur in der letzten Woche per Email einen Bann gegen das hochwertige Bildformat verhängt.

Die Raw ist vom Grundprinzip ein digitaler Nachkomme des analogen Negativs. Bei der Selektion der dazu zählenden Bildformate mit den Bezeichnungen *.raw oder *.cr2 in der Kamera fallen zwar im Vergleich zu komprimierten Jpeg-Dateien sehr viel höhere Datenmengen an. Doch die verlustfreien Raw-Fotos machen es möglich, am PC diverse Kameraeinstellungen wie Belichtung, Schattenaufhellung, Farbcharakteristik, Schärfe und Weißabgleich sehr einfach im Nachhinein zu justieren. Kurzum: Die Optimierung von Raws ist leichter und die Qualität höher.

Von freien Fotografen werden fortan keine Fotos mehr akzeptiert, die aus Raw-Originalen entwickelt wurden. Eingereichte Bilder müssen stattdessen im Jpeg-Format direkt in der Kamera entstanden sein und dürften nur noch marginal (z.B. in der Größe) verändert werden. Es geht der Agentur mit diesem umstrittenen Schritt zum einen um mehr Presse-Ethik, zum anderen um Geschwindigkeit.

Es sei die Pflicht des Journalismus, die Realität genau so widerzuspiegeln, wie sie den Augenzeugen in Erscheinung getreten sei, heißt es in der Begründung der Agentur, die für ihre stark ausgeprägte Genauigkeit und Quellentransparenz bekannt ist. Künstlerische Entfremdung sei zu vermeiden: „Wir streben zwar Fotografie in ihrer höchsten ästhetischen Qualität an, es ist aber nicht das Ziel, Nachrichten kunstvoll zu interpretieren“.

Das technisch überlegene Format ist für viele ambitionierte Fotografen in den meisten Einsatzbereichen somit auch das Non-Plus-Ultra – jedoch nicht unbedingt in der Pressefotografie. sh:z-Fotograf Michael Staudt arbeitet beruflich ausschließlich im Jpeg-Format: „Sonst würden mir viele Motive entgehen, weil der Speicherungsprozess in der Kamera einfach zu lange dauert. Insgesamt sind mir die Datenmengen zu hoch, signifikante Vorteile bringen mir aufgeblähte Rohdaten nicht. Und der Datentransfer würde nur enorm viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Staudt, der selbst eine Bildagentur betreibt, vermutet den eigentlichen Grund für die neuen Geschäftsbedingungen in den ungeheuren Datenmengen, die verlustfreie Formate mitsamt der Datensicherungen erzeugen. Denn für wirklich signifikante Manipulationen – zum Beispiel bei der Änderung von Bildbereichen – sei ein Jpeg eigentlich sogar geeigneter als ein RAW. Ähnlich argumentiert Reuters im zweiten Teil der Begründung: Die Umstellung auf Jpeg solle Geschwindigkeitsvorteile für die Übermittlung der Fotos von der Kamera zum Kunden bringen.

Will ein Fotograf weiterhin auf Nummer sicher gehen und im Raw-Format fotografieren, soll er laut Reuters per Kamera-Einstellung eine zusätzliche JPEG ausgeben lassen. So hätte er die Möglichkeit, Fotos abseits der nüchternen Pressefotografie im Nachhinein auch für bildästhetische Zwecke zu verfälschen.

In den Bilddateien enthalten sind so genannte Metadaten, die die Chronologie möglicher Bearbeitungsschritte nachverfolgbar machen. Diese Daten wird Reuters vor jeder Veröffentlichung prüfen. Kritiker bemängeln, dass die Metadaten jedoch keineswegs fälschungssicher seien.

Wenn in der Kamera die Option „Raw+Jpg“ eingestellt wurde, dürfte es für computerbewanderte Fotografen beispielsweise kein Problem sein, die Raw zu bearbeiten und im komprimierten Abbild anschließend die Metadaten der JPEG-Datei einzuspielen. Damit wäre nicht mehr sichtbar, dass sie bearbeitet wurde. Bildmanipulationen, die unter der Absicht erstellt wurden, die Realität zu verfälschen, wird Reuters mit diesem Schritt also kaum ausgrenzen können.

Was standardisierte, häufig dramatisierende Bildbearbeitungsprozesse angeht, hält die Agentur den Freelancern nun aber ein Stopp-Schild entgegen. Sie will das reine Foto, das auf keinen Fall nachträglich verfälscht werden soll. Doch farblich neutrale Bilder wird sie damit kaum erhalten.

Während Fotografen zu Zeiten der analogen Fotografie bestimmte Filme und Labortechniken verwendeten, um bestimmte Farbgebung und Kontraste zu unterstreichen, greifen sie in Zeiten der obligatorischen Jpeg zu den frei wählbaren und veränderlichen „Bildstil"-Einstellungen in den Kameras. Auch diese können die Realität in jedem anderen Licht erscheinen lassen. Dafür sind sie aber deutlich kleiner.

 
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erstellt am 26.Nov.2015 | 09:47 Uhr

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