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Internetphänomen : Meme Pepe: Vom Tod eines Hassfrosches

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Ein Cartoon-Frosch wird im Internet zum Hasssymbol. Für den Zeichner ein solcher Albtraum, dass er ihn tötet.

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erstellt am 12.Mai.2017 | 10:44 Uhr

Es war einmal ein Ort, an dem war ein grüner Comic-Frosch ein Hasssymbol. Manche Menschen dort glaubten an kleine Bilder mit magischen Kräften – und andere setzten sich Masken auf und versuchten die Welt zu verändern. Politiker stützen. Politiker stürzen. Diesen Ort gibt es noch. Es ist das Land der sogenannten Imageboards, grafisch sehr unschön zusammengestellter Bildersammlungen im Internet. 4chan und 8chan sind diese komischen Ecken, in die sich die meisten Nutzer so gut wie nie verirren. Nicht im Darknet, nein, alles ist problemlos einsehbar. Man braucht weder Geheimcodes noch Authentifizierung, jeder postet einfach anonym – unter dem Namen Anonymous.

Die Chan-Portale stehen für ihre Nutzer für die bedingungslose Redefreiheit, das amerikanische Grundrecht der „Freedom of speech“. Netzwerke wie Facebook gelten als „zensiert“. Doch unter diesem Deckmantel der Freiheit finden sich dort auch Lügen, Doxing, also das gezielte Veröffentlichen von Personendaten, Promi-Nacktbilder und Diskussionen über Kinderpornografie.

Aus diesem Land kommt auch Anonymous, jene diffuse Gruppe von Aktivisten, die sich im Internet trifft und dann maskiert ihre Ideen auf die Straßen trägt. Zu den „Normies“, wie die Menschen außerhalb halb mitleidig halb herablassend genannt werden. Und in einigen dieser Imageboards ist man sich sicher: Mit seiner Hilfe wurde Donald Trump Präsident der USA.    

Nun gibt es bereits eine Reihe von Erklärungen für diesen skurrilen Wahlausgang. Von den frustrierten Arbeitern im Nordwesten über eine kaltherzige Clinton bis hin zu Microtargeting im Internet grassierten Thesen, warum die Wahl genau so ausgefallen ist. Die Nutzer der Imageboards fordern aber zumindest einen Teil der Verantwortung dafür. Denn man glaubt an die Magie von Memes. An die beeinflussende Wirkung jener kleinen Bilder, die hier im Akkord eingestellt und von denen dann die erfolgversprechendsten in andere Netze mit großer Reichweite weiterverbreitet werden. Ob die magische Wirkung der Bilder nun ein ernstzunehmender Aberglaube ist, oder ironisch gemeint oder beides – so richtig festmachen kann man das nicht. Es ist ein wenig wie mit Schrödingers Katze. Man kann nicht sagen, ob sie tot ist oder lebendig. Sie ist beides.

Diese Bilder jedenfalls geraten von 4chan zu irgendwelchen nischigen Tumblr-Sammlungen oder Unterforen von Reddit. Von dort posten andere wiederum die Highlights weiter zu Facebook oder der Witzbildsammlung 9Gag – und das Meme hat die große Runde in der Mainstream-Welt gemacht.

Eines dieser Bilder, dieser Memes, war Pepe. Ein grüner Frosch, der aus einem völlig unverfänglichen, ja geradezu holprig gezeichneten Comic stammt. Dieser Frosch hing mit seinen Kumpels rum, kiffte gern und symbolisierte zunächst all das, womit man sich in den Chan-Ecken identifizieren konnte. Er war nicht hübsch, ein Loser-Typ – und dann steht er auch noch in einem Cartoon da, bepinkelt sich mit heruntergelassener Hose und einem seltsam entrückten Gesichtsausdruck und sagt: „Feels good man.“ – „Fühlt sich gut an, Mann.“ Es ist die Ikonografie des Einklangs mit dem eigenen Losertum, der Genuss an einem entspannten Scheiß-Drauf-Gefühl. Erfolgreiche Memes stellen häufig pointiert eine ganz bestimmte Situation oder ein Gefühl dar, das viele oder einige kennen, und für das es kein kurzes schmissiges Wort gibt. Aber eben dieses Meme, das man wie eine Hieroglyphe einsetzen kann. Dieses Gefühl vermittelte Pepe. Selbst Sängerin Katy Perry twitterte Pepe als Ausdruck für einen gehörigen Jetlag.

Und schon damals, 2014, machte ein Fan die Sängerin auf Pepes Charakter aufmerksam.

 

Nun mögen Soziologen darüber urteilen, ob nun die Schnittmenge an Verlierertypen und der politischen Rechten besonders groß ist. Der Anteil von Anhängern der rechten Bewegung aus den USA, der Alt-Right, scheint aber in diesen Imageboards überproportional hoch zu sein.

Man kann aber nicht sagen, dass die Chan-Nutzer alle rechts sind. Es gibt sowohl bei 4chan als auch bei 8chan verschiedene Imageboards, die völlig unpolitisch sind, wo Nutzer beispielsweise ihre Vorliebe für Anime oder Mein kleines Pony miteinander teilen. Doch es gibt auch jene politisch brenzligen Ecken. /pol/ ist ein Sammelbecken für Rechtsradikale, Neonazis und Rassisten. In /leftypol/ treffen sich Kommunisten und Linksradikale. Beide Nischen werden von den jeweiligen Extremisten geliebt, da hier niemand etwas gegen Hatespeech unternimmt. Im Gegenteil: Es geht ja um ein Plätzchen für extremistische Parolen und Geschmacklosigkeiten.

Und ausgerechnet jene Froschzeichnung hat sich durch diesen versteckten Ort im Netz zu einer dieser Hassbotschaften entwickelt. Pepe wird hier nicht nur in der Loserposition verbreitet, sondern mit Ku-Klux-Klan-Haube oder Hitlerbart. Oder eben in Trump-Optik. Den Ritterschlag erhielt Pepe dadurch, dass Trump selbst ein solches Bild twitterte. Ob nun als Wink an die Rechte oder als Gruß an junge Wähler – man wisse es nicht, schreibt Pepe-Zeichner Matt Furie im Time-Magazine

 

Dass Bilder des Frosches inzwischen offiziell als Hasssymbol geführt werden dürfte den Erstellern der Memes aber gut gefallen. Schließlich gibt es kaum etwas Bekloppteres, als Froschcomics moralisch zu verurteilen. Man kann sich damit nur selbst lächerlich machen.

Es ist gerade diese Harmlosigkeit, die das Tier so erfolgreich macht. Eingeweihte erkennen Pepe sofort. Andere finden ihn vielleicht niedlich oder lustig, denn in den meisten Bildern tritt er weder in SS-Uniform auf noch trägt er sonstige Nazi-Symbolik.

Pepe bedeutet nur für Insider ein Symbol der Alt-Right. Es spricht sogar einiges dafür, dass einige Trump weniger wegen seiner politischen Geschicke unterstützen, sondern weil er ein solcher Antiheld ist. Genauso wie sie. Er ist einer, der komische Sachen sagt, ohne Rücksicht auf Verluste, und der trotz aller Erfolge immer ein Loser bleiben wird. Er ist wie ein skurriles, obszönes Meme. Und steckt in so manchem Pepe-Fan sicher auch dieser Drang nach Anarchie, diese Lust auf Zerstörung. Warum nicht mal einfach das System an die Wand fahren, das sie als Loser außen vor lässt?

Pepe ist vom Loser zum Machtsymbol geworden. Das harmlose Fröschlein wurde nazifiziert – ein Sieg über die Normies. „Wir haben einfach Pepe mit Nazi-Propaganda gemixt“, wird ein Rechtsaktivist im US-Magazin The Daily Beast zititert. „Wir haben diese Assoziation geschaffen.“

Da kann sich der Zeichner noch so sehr bemühen, das Symbol wieder einzufangen. „Es ist ein Albtraum“, schreibt er über Pepes Entwicklung. „Und das einzige, was ich tun kann, ist, mich gegen Hass auszusprechen.“ In den vergangenen Wochen und Monaten hat Matt Furie, Pepes Zeichner, zahlreiche Cartoons veröffentlicht, die Pepe mit Friedenssymbolen zeigen. #savepepe war das Motto. Rettet Pepe. Die Idee war es, das Netz mit Hippie-Pepe zu fluten und seinen Charakter wieder umzudichten. Es sollte nicht klappen.

Ein Versuch, Pepe umzuerziehen.
Ein Versuch, Pepe umzuerziehen. Foto: Matt Furie
 

Es war wie mit einem Kind, das in die rechte Szene abgedriftet ist, und das man nicht mehr erreichte. Pepe war nicht mehr sein Kind, der Frosch war rechts und konnte nicht mehr umerzogen werden. Und so gab Furie ihn auf. Am Wochenende veröffentlichte der Zeichner in seinem Tumblr ein womöglich letztes Pepe-Bild – vom Tod des Tiers. Der Frosch liegt mit blauen Lippen in einem Sarg und wird von seinen Kumpels mit Alkohol begossen. Neben ihm steht ein großes Foto auf einer Staffelei – mit seinem bekanntesten Gesichtsausdruck: „Feels good man“.

Der Zeichner beerdigt sein Werk.

Der Zeichner beerdigt sein Werk.

Foto: Matt Furie
 
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