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Wirtschaftspsychologin warnt : Like! Mich! Bitte! - Was soziale Medien mit uns machen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stress, Neid, Depressionen: Facebook & Co können Nutzer in eine Abwärtsspirale ziehen.

Soziale Medien verstärken den Drang zur Selbstdarstellung. Daraus kann eine Sucht entstehen. Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach über Neid, sozialen Wettbewerb und Facebook als Glücksspiel.

Frau Diefenbach, früher wurde nichts so häufig fotografiert wie der Eiffelturm. Heute sind wir selbst unser beliebtestes Fotomotiv. Wie konnte das passieren?
Das Selfie ist ein beeindruckendes Phänomen. Es zeigt, wie Technik die Rituale einer ganzen Generation prägen kann. Man hat das Smartphone heute ohnehin immer in der Hand, es fehlen also nur zwei Klicks zum Selfie.

<p>Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach.</p>

Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach.

Foto: picture alliance/rtn
Zur Person Sarah Diefenbach

Sarah Diefenbach  lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München Wirtschaftspsychologie und gehört mit ihren 34 Jahren zu den jüngsten Professoren Deutschlands. Seit 2007 erforscht sie das Konsumentenerleben im Bereich interaktiver Produkte und die Betrachtung von Mensch-Technik-Interaktion aus einer psychologischen Perspektive. 

In ihrem Buch „Digitale Depression“ beschreibt sie, wie sich die Menschen durch den gedankenlosen Gebrauch von Technik um Glücksmomente bringen. Sie hatte während des Interviews kein Handy dabei, verzichtet auf Facebook und liest E-Mails nur auf dem Computer.

 

Und wieso fotografiere ich nicht mehr nur den Eiffelturm, sondern mich selbst vor dem Eiffelturm?
Mit dem Aufstieg der sozialen Medien hat plötzlich jeder, der will, Publikum bekommen. Und das Selfie ist die ideale Möglichkeit, sich vor diesem Publikum zu inszenieren. Der ganzen Welt das eigene, einzigartige Leben zu präsentieren. Leider verschwindet die Einzigartigkeit damit aber auch ein Stück. Die sozialen Netzwerke sind voll mit Fotos von Leuten in ähnlicher Pose vor ähnlicher Kulisse.

<p>Touristen posieren für ein Selfie vor der Christus-Statue in Rio de Janeiro. </p>

Touristen posieren für ein Selfie vor der Christus-Statue in Rio de Janeiro.

Foto: dpa

Beim Publikum kommt das gar nicht so gut an. Die Reaktionen in den sozialen Medien waren fast gehässig, als dieses Bild vom Gruppen-Selfie mit Hillary Clinton bekannt wurde.
Das überrascht mich nicht. Das Problem ist: Wir selbst finden unsere Selfies lustig, alle anderen halten sie für selbstdarstellerisch, wie eine unserer Studien zeigt. Verkürzt gesagt: Alle machen Selfies, aber niemand will sie sehen.

Wofür steht dieses Bild, auf dem Dutzende junger Menschen der demokratischen Präsidentschaftskandidatin den Rücken zudrehen?

 

Die Szene ist inszeniert, aber durchaus charakteristisch für das, was wir beobachten: Es reicht nicht mehr, etwas zu erleben – wir müssen es auch dokumentieren. Und zwar nach Möglichkeit mit uns selbst im Bild. Es gibt auch ein bekanntes Bild von einer Filmpremiere, welches das Publikum am roten Teppich zeigt: Alle haben das Handy gezückt, um ein Foto zu machen. Nur eine ältere Dame beobachtet in Ruhe die Stars, wie sie über den roten Teppich schreiten. Sie genießt die Show. Sie weiß noch, was es heißt, ganz im Moment zu sein.

Dann steht dieses Bild für eine gesellschaftliche Entwicklung?
Ja. Unsere Wahrnehmung verschiebt sich. Es zählt nicht mehr der Moment, sondern die Reaktion der anderen. Parallel zum Erlebnis sind viele gedanklich schon in den sozialen Netzwerken, überlegen, wie sich das Erlebte dort präsentieren lässt, welche Art von Foto die meisten Likes ernten wird. Das Erleben selbst kommt dann mitunter zu kurz.

<p>Die Tennisspielerin Mirjana Lucic-Baroni aus Kroatien fotografiert sich selbst nach einer Niederlage.</p>

Die Tennisspielerin Mirjana Lucic-Baroni aus Kroatien fotografiert sich selbst nach einer Niederlage.

Foto: dpa
 

Bestätigung zu suchen, ist aber eigentlich nichts Neues.
Das stimmt schon – das ist ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis. Allerdings hat es sich mit den Möglichkeiten der sozialen Medien verselbstständigt. Man hat die Möglichkeit, von sehr viel mehr Menschen Bestätigung zu erhalten als früher. Und das erhöht den Druck: Die Möglichkeit schafft Stress. Und durch das System mit den Likes findet zudem eine Entwertung statt: Am Anfang freut man sich über jedes einzelne Like, aber irgendwann gewöhnt man sich daran, die Likes werden zur Sucht, und wenn man plötzlich keine Likes mehr bekommt, ist es ein negatives Erlebnis.

Woher rührt der Stress?
Man ist im Internet oder auf Facebook automatisch in einem sozialen Wettbewerb. Je mehr Freunde man hat, umso schlimmer wird es, weil man sich potenziell mit immer mehr Menschen vergleichen kann. Und das führt unweigerlich dazu, dass man unzufrieden wird. Das Leben der anderen wirkt immer aufregender und glücklicher als das eigene. Emotional können wir uns nicht dagegen wehren. Sogar wenn ich weiß, dass das Leben meines Nachbarn wirklich nicht immer so perfekt ist, wie er es auf Facebook darstellt – die Emotionen, die entstehen, wenn ich seine Fotos sehe, sind trotzdem real: Ich werde neidisch.

Kein schönes Gefühl.
Nein. Es geht den Menschen oft schlechter, nachdem sie auf Facebook waren – obwohl sie die Plattform eigentlich als eine Bereicherung für sich selbst erachten. Gleichzeitig verbringt man immer viel mehr Zeit auf Facebook, als man eigentlich geplant hat. Das ist paradox.

Was steckt dahinter?
Facebook funktioniert im Grunde wie ein einarmiger Bandit. Wie beim Glücksspielautomaten geht es um kleine Einsätze, in Form von Zeit statt Geld, die im Einzelnen nicht ins Gewicht fallen, erst in der Summe gesehen wird es krass. Ganz oft hat man danach allerdings das Gefühl, man hätte die Zeit doch lieber anders verbracht. Trotzdem geht man immer wieder zurück, denn manchmal wird man auch belohnt – etwa, indem man einen interessanten Artikel findet oder einen alten Freund wieder trifft. Und wie der Glücksspielautomat kann Facebook süchtig machen.

Ist dieser Suchtfaktor Absicht?
Das weiß man natürlich nicht mit Gewissheit. Aber man kann sich fragen: Womit verdient Facebook Geld? Nicht mit den Nutzern, sondern mit den Kunden – den Werbefirmen. Klar also, dass das Geschäft dann gut läuft, wenn wir besonders viel Zeit auf der Plattform verbringen – und nicht etwa, wenn es uns dabei besonders gut geht. Das Leben der anderen wirkt immer aufregender und glücklicher als das eigene.

Was hat es für gesellschaftliche Folgen, wenn sich die Wahrnehmung des Einzelnen immer mehr auf die indirekte Ebene verschiebt?
Einerseits findet eine Entfremdung statt. Es gibt den Prototyp des Smombies, der mit auf sein Smartphone gerichtetem Blick und Ohrstöpseln durch die Straßen läuft und nichts mehr um sich herum wahrnimmt. Er kapselt sich ab. Andererseits gibt es das starke Bedürfnis, mit der Welt verbunden zu sein. Das verlagert sich immer mehr in diese Parallelwelt. Dies ist möglicherweise auch ein Grund dafür, dass immer mehr Online-Verhaltensweisen in die Offline-Welt überschwappen. Sei es, dass man immer zu allem seine Meinung kundtut, also immer im Kommentarmodus ist. Oder dieses Provozieren, Menschenbewerten, Sehr-offensiv-Sein.

Findet eine Verrohung statt?
Ja. Aber daran ist meiner Einschätzung nach nicht allein die digitale Welt schuld. Sie bringt nur zum Vorschein, was ohnehin in den Menschen angelegt ist. Man glaubt ja schnell, eine ungeheuer populäre Meinung zu vertreten, weil man im Internet für jede These sofort ein paar Unterstützer findet. Auf der Straße würde einem das nicht passieren. Das liegt an der riesigen Reichweite. Und leistet letztlich auch populistischen Strömungen Vorschub.

Macht das Internet nicht nur öffentlich, was bisher am Stammtisch diskutiert wurde?
Schon. Aber es wirkt auch als Verstärker – im Internet gibt es für jede Meinung einen Stammtisch. Im Internet findet man nicht nur viel schneller Gleichgesinnte, man kann sich auch viel einfacher mit ihnen vernetzen. Und mit der Gewissheit im Rücken, dass man nicht alleine dasteht, tritt man in der realen Welt ganz anders auf.

Und was heißt das in Bezug auf die sogenannte Filterbubble, die im Nachgang zur US-Präsidentschaftswahl heftigst diskutiert wurde?
Die Menschen hatten schon immer die Tendenz, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben. Vielleicht haben sie sogar eine politische Tageszeitung abonniert, die diese Werte spiegelt.

Wo liegt der Unterschied zu Facebook, wo anderslautende Meinungen einfach ausgeblendet werden?
Jeder bewegt sich in einer Blase und umgibt sich mit Informationen, die Filter durchlaufen haben. Aber das Internet hat es noch einmal leichter gemacht. Das hat dazu geführt, dass relativ unbemerkt parallele Weltanschauungen aufgebaut werden – wie etwa die US-Wahlen gezeigt haben. In gewissen Kreisen wird eine Beschäftigung mit alternativen Quellen ja schon fast als verpönt angesehen. Oder die alternativen Medien werden als unseriös deklariert. Problematisch finde ich, dass uns das teilweise nicht einmal bewusst ist. Was Facebook uns an Meldungen anbietet oder was Google mir anzeigt, ist ja auch schon vorgefiltert. Selbst wenn ich also glaube, ich suchte neutral, finde ich mit höherer Wahrscheinlichkeit Informationen, die mein Weltbild bestätigen.

Ist das eine Gefahr für unsere Gesellschaft?
Ja, das kann man schon so sehen.

Wir haben darüber gesprochen, wie das Internet und die sozialen Medien die Gesellschaft verändern. Was macht es denn mit uns als Individuen?
Die Technik verändert unser Denken und unsere Wahrnehmung. Wir müssen uns zum Beispiel kaum mehr Dinge merken. Das Smartphone weiß eigentlich alles: den Weg, Telefonnummern, Geburtstage. Es lassen sich ganz konkret Veränderungen auf Ebene der Hirnfunktionen messen. Eine Studie hat gezeigt, dass die Teilnehmer, wenn ihnen eine Wissensfrage gestellt wird, schnelle Reaktionszeiten zu Namen von Suchmaschinen zeigen.

Statt nach der Antwort zu suchen, denken wir an Google?
Genau. Eine andere Studie zeigt, dass Leute, die oft ein Handy mit Touchscreen bedienen, eine erhöhte Daumensensitivität aufweisen. Ich finde, das ist schon eine recht schnelle Anpassungsleistung, die das Gehirn hier zeigt. In dem Sinne kann man heute schon sagen, dass Handys und soziale Netzwerke unsere Spezies verändert haben. Das Gleiche gilt für das, was wir Antwort-Reflex nennen.

Antwort-Reflex?
Sobald das Handy piept, greife ich danach. Ich überlege gar nicht mehr, ob das jetzt passt – oder was das mit den real anwesenden Personen macht, wenn ich mitten im Gespräch plötzlich aufs Handy schaue und eine Nachricht beantworte. Und oft bleibt es dann ja nicht bei einer Mitteilung. Man chattet parallel zum Gespräch und suggeriert, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Was aber nicht funktioniert: Wie ein roter Faden, der immer wieder reißt – so hat es eine Teilnehmerin an einer unserer Studien beschrieben. Heute ist es sozial akzeptiert, dass man während eines Gesprächs nebenher chattet. Natürlich verändert das dann auch die Art und Tiefe der Gespräche. Liegt das Handy auf dem Tisch, fängt man vielleicht gar nicht mehr an, eine komplexe Geschichte zu erzählen, weil man sowieso damit rechnen muss, in einer Minute wieder unterbrochen zu werden.

Stellen Sie sich vor, Eltern würden so oft zum Briefkasten gehen, wie sie am Tisch vor den Kindern ihre E-Mails checken.

Das Handy hat Priorität?
Wenn man das beobachtbare Verhalten nimmt, dann scheint es schon so, dass die digitale Kommunikation immer den Vorrang hat. Und dass jemand, der mir jetzt gerade eine Nachricht schickt – und die kann auch recht belanglos sein –, mehr Aufmerksamkeit erhält als das Gegenüber. Das Gefährliche am Chatten ist ja auch, dass es kein Ende gibt. Man will vielleicht nur kurz zurückschreiben, aber auf die Antwort folgt eine Gegenfrage, und so gerät man in einen Strudel, aus dem man nur schwer wieder herausfindet.

Das Handy auszuschalten, ist für viele allerdings undenkbar.
Wir haben zu Whatsapp eine Studie gemacht und die Teilnehmer gebeten, während einer Woche die sogenannten Push Notifications auf ihrem Handy auszuschalten. Eingehende Nachrichten wurden also nicht mehr automatisch auf dem Start Screen angezeigt, sondern die Teilnehmer mussten Whatsapp bewusst öffnen. Wir wollten wissen, wie sich das auswirkt auf das Wohlbefinden der teilnehmenden Studenten und ihre Gespräche abseits.

Und wie oft durften sie ihre Whatsapp-Nachrichten abrufen?
So oft sie wollten. Einige Teilnehmer haben berichtet: Am Anfang hatten sie deswegen mehr Stress, weil die Leute das Gefühl hatten, sie müssten dauernd die Mitteilungen abrufen, um nichts zu verpassen. Aber sobald es sich im Freundeskreis herumgesprochen hatte, dass sie an der Studie teilnehmen und darum im Moment keine Benachrichtigungen bekommen, war klar, dass man sie vielleicht besser anruft, wenn es wirklich wichtig ist. Erst dann setzte der Entspannungseffekt ein.

Was raten Sie besorgten Eltern, worauf sollten sie bei ihren Kindern achten?
Ich weiß gar nicht, ob man um die Kinder besorgter sein muss als um die Erwachsenen. Stellen Sie sich vor, die Eltern würden so oft aufstehen und zum Briefkasten gehen, wie sie am Tisch vor den Kindern ihre E-Mails checken. Statt Regeln für die Mediennutzung aufzustellen, würden sie ihren Kindern besser vorleben, wie man die Technik bewusst nutzt. Und ihnen ein Verständnis dafür mitgeben, was die Technik mit uns macht. Damit gäben sie den Kindern Instrumente in die Hand, um selbst zu entscheiden, was ihnen guttut.

Für alle, die sich jetzt vielleicht ertappt fühlen: Was wäre ein guter Vorsatz?
Ich empfehle jedem, sich in den nächsten Tagen selbst zu beobachten und sein Leben zu durchleuchten: Wie oft interagiere ich mit Technik, und wann tut es mir gut – und wann nicht? Und basierend darauf zu entscheiden, welche Routinen man verändern möchte. Was ich von vielen Menschen höre: Mein Handy ist eben auch mein Wecker, und darum liegt es gleich neben dem Bett, und deshalb gehe ich auch immer abends nochmals ins Internet, und morgens geht auch der erste Griff zum Handy. Das ist doch eine Sache, die man ganz leicht beheben könnte: Man kauft sich einfach einen Wecker.

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erstellt am 13.Feb.2017 | 10:08 Uhr

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