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Krim-Krise Wikipedias viele Wahrheiten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 04.Dez.2015 | 00:33 Uhr

Was passiert eigentlich bei einer Sonnenfinsternis? Und: Wie hieß noch das Dorf, das Asterix und Obelix gegen die Römer verteidigen? Gern werden Online-Enzyklopädien wie Wikipedia als erste Informationsquelle zu Rate gezogen. Doch Vorsicht: Bei Wikipedia kann theoretisch jeder Nutzer weltweit Beiträge schreiben und korrigieren. Das sorgt zwar dafür, dass es hier unzählige Einträge mit Wissen zu verschiedensten Themenbereichen gibt, doch gleichzeitig können so auch gefährliche Halbwahrheiten verbreitet werden. Die Autoren sollen sich beim Verfassen der Beiträge zwar an Neutralität und Objektivität halten, auch wenn es um strittige Fragen wie den Konflikt um die Angliederung der ukrainischen Halbinsel Krim an Russland geht. Doch was genau schreiben die Autoren des größten Online-Lexikons der Welt über die Krimkrise?

In der ukrainischen Ausgabe von Wikipedia steht, die Krim und die Stadt Sevastopol befänden sich seit Ende Februar 2014 unter der Kontrolle von der Russischen Föderation und hätten den völkerrechtlichen Status „Gebiet der Ukraine, das vorübergehend von Russland besetzt ist“. Nach dieser Version gehört die Halbinsel noch immer der Ukraine. Die russische Seite hingegen zählt die Krim zu Russland und der Ukraine gleichzeitig und bezeichnet das Gebiet als ein Objekt der territorialen Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland, das das umstrittene Gebiet kontrolliert.

Ukrainische Schreiber bewerten die Ereignisse im Februar und März 2014 als „Annexion der Krim durch Russland“ – und erhalten dabei Rückendeckung von der Ukraine und den meisten Mitgliedern der Vereinigten Nationen. Sie sprechen sogar von einer russischen Intervention auf der Krim, die als Anfang des bewaffneten Konfliktes zwischen den beiden Ländern gilt. Die russische Wikipedia-Variante hingegen bezeichnet die Ereignisse als „Beitritt der Krim zu Russland“.

Die Autoren der Enzyklopädie sind angehalten, offizielle Quellen als Grundlagen der Texte zu nutzen – das ist einer der Hauptgründe für die inhaltlichen Unterschiede.  So zitieren die Autoren im russischsprachigen Artikel zur Krim-Krise lokale Politiker und Aktivisten, die den „Beitritt“ rechtfertigen: „Neue Krim-Behörden haben die Illegitimität der neuen Führung in der Ukraine angekündigt und baten die russische Führung um Zusammenarbeit und Unterstützung“, heißt es dort.

Die deutschen Wikipedia-Autoren legt den Fokus auf völkerrechtliche Aspekte: „Während pro-westliche Völkerrechtler sich in der Wertung des russischen Vorgehens als völkerrechtlich illegal weitgehend einig sind, argumentieren pro-russische Rechtswissenschaftler unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker für eine Legalität, zumindest aber eine Legitimität des russischen Vorgehens.“

Die Unterschiede der verschiedensprachigen Versionen machen deutlich, dass es bei den Artikeln eben nicht nur um neutrale Information der Nutzer, sondern auch um die Verbreitung jeweiliger Interessen geht.

In einigen Punkten herrscht aber Einigkeit unter den Autoren: Kurz nach der Flucht des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch nach Russland kommt es auf der Halbinsel Krim zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Regierung in Kiew. Am 16. März 2014 wurde das Referendum über den Status der Krim abgehalten. Nach veröffentlichten Resultaten sprachen sich 96,77 Prozent der Teilnehmer für einen Beitritt zur Russischen Föderation aus. Das Referendum wurde von der Ukraine, der Europäischen Union und den USA wegen Manipulationen und Militärpräsenz im Laufe der Abstimmung nicht anerkannt. Ein Jahr nach der Besetzung der Halbinsel sprach Russlands Präsident Wladimir Putin in einer Fernsehdokumentation offen über den Befehl zur Annexion der Krim.



> Die Autorin ist Gastjournalistin aus der Ukraine. Sie arbeitet für zwei Monate für den sh:z.

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