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Nagars Netzwelt : Kommentare im Netz: Das Schweigen der Lämmer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Interaktion ist nicht immer bequem. Aber wir können doch über alles reden. Oder?

von
erstellt am 29.Jan.2016 | 08:30 Uhr

Es gibt da dieses Bild von einer Katze neben einem riesigen Eimer Popcorn. „Ich bin nur hier, um die Kommentare zu lesen“, steht daneben. Ich fand das anfangs witzig, denn an einigen Diskussionen konnte ich mit dieser Mischung aus Fremdschämen und Lachflash erfreuen, die man sonst nur vom RTL2-Konsum kennt. Bei anderen Diskussionen gab es immer mal wieder inhaltlich interessante Gespräche mit findigen Denkansätzen. Doch in letzter Zeit fände ich eine Packung Baldriantee eher angebracht als Popcorn. Nicht dass ich geglaubt hätte, Kommentarforen würden wie ein Sitzkreis mit kreativ dekorierter Mitte ablaufen. Nicht dass ich erwartet hätte, jeder würde mit dem Lied „Komm in unsere Mitte“ begrüßt.

Aber was man in den Leserkommentaren deutscher Nachrichtenseiten so liest, erweckt zuweilen den Eindruck, dass jegliche Diskussion zwecklos sei. Der Ton ist oft ruppig. Gerüchte kursieren. Trolle provozieren. Anderen geht es lediglich darum, ihre zementierte Meinung herauszupusten. Von Hetze und Beleidigungen will ich diesmal gar nicht erst anfangen. Dialog? Fehlanzeige. Die Süddeutsche Zeitung hat online bereits 2014 die Kommentarfunktion abgestellt. Die Begründung dafür („Leserdialog neu denken“) las sich seinerzeit wie ein in Schönsprech gegossener Nervenzusammenbruch. Richtig so? Fehlanzeige. Denn Interaktivität ist etablierte Internetkultur. Sie steht für Demokratie, für freie Meinungsäußerung. Nun ist eine alte Internetweisheit die sogenannte 90-9-1-Regel. Von 100 Nutzern beteiligen sich neun überhaupt ab und an, davon ist lediglich einer hoch- bis hyperaktiv. Erklärt das die Raubtierkäfigatmosphäre? Die Lämmer schweigen und die Frustrierten verschaffen sich wortreich Luft? Wir können jetzt frustriert lamentieren, dass es zu viele Nörgler gibt. Und doch sind nicht nur sie für die grassierende schlechte Laune verantwortlich, sondern auch die schweigende Mehrheit.

So satt und bequem schüttelt sie den Kopf und überlässt das Wort den Nörglern. Doch wie wird aus dem digitalen Meckerkasten eine Plattform für den pöbelfreien Meinungsaustausch? Vielleicht kann man das ja im Kommentarforum besprechen. Ich bin gespannt auf findige Denkansätze. Und stelle schonmal Popcorn und Baldriantee bereit.

 

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