zur Navigation springen

Übergriffe in Silvesternacht : Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers muss gehen

vom
Aus der Onlineredaktion

NRW-Innenminister Ralf Jäger versetzt den Chef der Kölner Polizei in den Ruhestand - und will Vertrauen zurückgewinnen.

shz.de von
erstellt am 08.Jan.2016 | 17:54 Uhr

Köln/Düsseldorf | Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers ist nach den Vorfällen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat Albers am Freitagmittag von seiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt. Dieser Schritt sei nötig, um das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei wiederherzustellen.

Die Übergriffe in Köln sind seit Anfang der Woche das bestimmende Thema in Medien, Politik und sozialen Netzwerken. In der Silvesternacht waren dutzende Frauen auf offener Straße Opfer von massiver sexueller Belästigung und Diebstählen geworden. Die Taten haben Abscheu und Empörung sowie Kritik an der Polizei ausgelöst.

Der Polizeieinsatz war von vielen Seiten scharf kritisiert worden, unter anderem von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Informationen über den Einsatzablauf kamen nur stückchenweise ans Licht. Noch immer ist nicht wirklich klar, was genau am Silvesterabend rund um den Hauptbahnhof geschah. Zuletzt waren zunehmend Rücktrittsforderungen gegen Albers laut geworden. Unter anderem war Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker deutlich auf Distanz gegangen.

Dem Polizeipräsidenten wurde unter anderem vorgeworfen, die Öffentlichkeit nach den Übergriffen nicht rechtzeitig informiert zu haben und Informationen unter anderem über die Herkunft der Verdächtigen zurückgehalten zu haben. Die Kölner Polizeiführung muss sich des Vorwurfs erwehren, Informationen nicht frühzeitig veröffentlicht zu haben. Nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers soll ein leitender Beamter die Herkunft von Verdächtigen verheimlicht haben, weil er dies als politisch heikel angesehen habe. Den Angaben zufolge hat die Kölner Polizei auf dem Bahnhofsplatz entgegen der bisherigen Darstellung mehr als 100 Menschen kontrolliert und ihre Personalien festgestellt. Bei vielen von ihnen habe es sich um Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan gehandelt, die erst seit kurzem in Deutschland lebten. Ob es sich bei den kontrollierten Personen um Straftäter handelt, ist derzeit unbekannt. Albers hatte jedoch bislang behauptet, die Identitäten der Männer auf dem Bahnhofsplatz seien völlig unbekannt. Die Rede war lediglich von jungen Männern aus Nordafrika und dem arabischen Raum.

Bereits gestern war ein internes Papier der Bundespolizei bekannt geworden, dass die bisherige Darstellung der Kölner Polizei in Frages stellt: Unter anderem geht aus dem Einsatzprotokoll eines leitenden Bundespolizisten hervor, dass die Verantwortlichen Ausmaß und Dramatik der Lage in der Kölner Silvesternacht frühzeitig gekannt haben müssen. Der Bundespolizist befürchtete nach eigenen Angaben beim Einsatz am Hauptbahnhof wegen der angespannten Lage, dass das „Chaos noch zu erheblichen Verletzungen wenn nicht sogar zu Toten führen würde“. Dagegen hatte die Polizei die Stimmung in der Kölner Innenstadt am Neujahrsmorgen als „friedlich“ bezeichnet und erst am 2. Januar über die Übergriffe am Bahnhof informiert. Während die Kölner Polizei beteuert hatte, erst nach Mitternacht von den sexuellen Übergriffen auf Frauen erfahren zu haben, heißt es in dem Bericht: Die Bundespolizisten seien bereits am Silvesterabend vor 22.45 Uhr von „vielen aufgewühlten Passanten“ über „Schlägereien, Diebstähle, sexuelle Übergriffe“ informiert worden.

Laut Polizei ist die Zahl der Anzeigen inzwischen auf rund 170 gestiegen, drei Viertel davon haben einen sexuellen Hintergrund. Der Polizei liegen 350 Stunden Videomaterial vor, rund 250 verschiedene Daten müssten ausgewertet werden, sagte der Polizeisprecher. Die bislang 80-köpfige Ermittlungsgruppe „Neujahr“ wurde auf 100 Beamte aufgestockt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert