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Fietzes Netzwelt : Kinderparkplatz ohne Reue?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manche Apps versprechen kindgerechte Inhalte - und sind doch oft nur Beschäftigungstherapie.

„Och Papa, nur noch diiiesen Clip!“ – sind Sie schon kindersicher unterwegs? Endlich, endlich gibt es die neue Google-App für Kinder auch bei uns: „YouTube Kids“ ist frisch auf dem deutschen Markt und alle Sorgen sind verflogen... denkste.

Aber gemach, zunächst einmal zeigt sich ein elterliches Paradies: Kinderfilmchen gibt es dort online, einen Startbildschirm im Querformat, kein störendes fummeliges Menü, fein säuberlich handverlesene Werbung und endlich easy auffindbare Sandmännchen-/Pingu-/Bibi Blocksberg-Angebote – Kinderherz, was willst Du mehr? Google hat den Nachmittag gerettet, der Nähmaschine, dem ePaper und den Chefkoch-Apptipps ist die elterliche Aufmerksamkeit sicher – ein Kinderparkplatz ohne Reue?

Ach, wären da doch nicht die heimtückischen Zweifel: Die Auswahl ist ziemlich mager und offensichtlich von einigen Verlagen dominiert.

Ich tippe „Fahrrad“ ins Suchfeld, bekomme schlecht versteckte Playmobil-Werbung und ein Rolf Zuckowski-Lied von 1987. Bevor ich wehmütig werde, funkt ein staubtrockener Physik-Professor zum gyroskopischen Effekt dazwischen – das Bild zeigt ausschließlich Formeln und Grafiken – und Harald Lesch doziert anschließend über Lücken des deutschen Bildungssystems. Autoplay in der Vorschulapp!

Dann schnell 29 Sekunden Werbung. Aber nicht für Naschi und Softgetränke, wie die Macher freudig herausstellen, wie nett...
Andere Tester fanden in der US-Version merkwürdige Inhalte, wohl Sexistisches, manchmal Gewalthaltiges, neben schönen Serien. Und natürlich wird der Google-Algorithmus auch hier die Suchaktivitäten analysieren und die digitale Schleimspur der Familie vergrößern. Kindgerechtes Internet sieht anders aus. Da wär ein Angebot aus hiesigen Landen mal an der Zeit. Youtube zum Abgewöhnen braucht kein Mensch.

Was bleibt? Doch eine ganze Menge – vielleicht ’ne echte Fahrradtour mit der Familie. Und eine gute Fingerübung: App deinstallieren! Wieder was dazu gelernt.

> Der Autor Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.

 

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