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Nagars Netzwelt : Kampfhühner und Schlangengurken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Googles Werbestrategie soll zu Kaufentscheidungen motivieren. Manche motiviert es wegzuklicken, meint unsere Kolumnistin.

Das scharlachrote Kampfhuhn verfolgt mich. Fast überall. Ich hatte nur kurz bei Amazon nach Rezensionen zum gewohnt grotesk benannten Krimi von Helge Schneider gesucht, und jetzt steht auf jeder zweiten Internetseite die Anzeige dafür in der Google-Ad-Box. Remarketing nennt Google das Werbemodell, bei dem einem angesehene, aber nicht gekaufte Artikel immer wieder um die Ohren gehauen werden, sodass man sie vielleicht doch noch in den virtuellen Einkaufskorb schmeißt. Äußerst findig, wie man es ja vom Datenkraken gewohnt ist.

Übertragen auf das echte Leben (für Laien: das ist das, was passiert, nachdem man den Ausknopf des Computers gefunden hat) stelle ich mir das so vor: Ich nehme im Supermarkt eine ebenso grüne wie ungekrümmte Schlangengurke in die Hand, lege sie aber wieder ins Regal. Dann bummle ich weiter, und während ich die aktuelle Schuhmode im Laden nebenan begutachte, kommt ein Verkäufer im Trenchcoat angeschlichen und sagt: „Psssst.“ „Wer ich?“ „Geeeenaau! Möchten Sie eine Schlangengurke kaufen?“ Später packt die Friseurin den Fön zur Seite, um sonnig lächelnd ein besonders saftiges Exemplar grünes Gemüse hervorzuholen. Und neben dem Wachturm-Missionar in der Fußgängerzone steht ein Mann mit ernster Miene und – na, Sie ahnen es schon. Kurzum: In der Netzwelt geschehen Dinge, die einen im echten Leben vor Wut scharlachrot anlaufen lassen würden. Diese Mischung aus Verfolgung, Penetranz und Bevormundung würde in der Realität die Kunden eher verscheuchen als anlocken. Genauso empfinde ich das System des Remarketing. In der Netzwelt geht bei mir die Rechnung nicht auf. Allein schon aus Prinzip, denn ich kaufe nicht bei Amazon, solange es noch echte Buchläden gibt. Und solange einen keine Schlangengurkenvertreter durch die Innenstadt verfolgen.

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erstellt am 30.Okt.2015 | 16:10 Uhr

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