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Fachkräftemangel : IT-Branche in SH: Wo sind die Frauen?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Frauenquote stagniert seit Jahren. Um den weiblichen Nachwuchs für die IT zu begeistern, setzt die Branche auf Vernetzung.

Kiel | Frauen in der IT-Welt fallen auf. „Wir sind eine rare Spezies“, sagt Doris Weßels. Die Professorin für Wirtschaftsinformatik weiß, wovon sie spricht: Sie ist seit 30 Jahren in der Branche unterwegs, hat nach einem Mathematik- und Informatikstudium viele Jahre in verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Heute lehrt sie an der Fachhochschule Kiel und pflegt als Zweite Vorsitzende des Vereins Digitale Wirtschaft (DiWiSH e.V.) eine enge Beziehung zu den Akteuren der Branche. In all den Jahren änderte sich ihr Status als Exotin nicht.

Der IT-Branche fehlen Fachkräfte, das bremst das Wachstum und die Produktivität der Firmen aus. Insbesondere Frauen sind wenig vertreten und sind bislang schwer für ein Studium oder Jobs in der IT zu begeistern. Dabei steckt hier viel Potenzial.

Seit Jahren stagniert die Frauenquote unter den Studienanfängern in Informatik-Fächern bundesweit bei etwa 20 Prozent. „Das ist eine Mauer, die wir leider bislang nicht durchbrechen“, sagt Weßels. Eine Zahl, die auch an den Hochschulen im Land nicht viel anders aussieht – geht es um weiterführende Masterstudiengänge im Informatik-Bereich könne man zu Beginn eines Studienjahrgangs an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel statt um die 20 sogar nur rund 15 Prozent Frauen verzeichnen, sagt Ina Pfannschmidt, Gleichstellungsbeauftragte der Technischen Fakultät. „Es zeichnet sich nicht sichtbar ab, dass es aufwärts geht.“

Immerhin um knapp sieben Prozent ist der Anteil der weiblichen Studenten im gesamten Informatik-Bereich an der Hochschule Flensburg in den vergangenen zehn Jahren gestiegen – von gut neun auf knapp 17 Prozent. Über die Gründe dafür könne man nur mutmaßen, sagt Hochschulsprecher Kristof Gatermann: In immer mehr Berufsfeldern spiele IT eine größere Rolle – „wie ja die Informationstechnologie insgesamt im vergangenen Jahrzehnt immer wichtiger geworden ist. Ebenso sind zahlreiche neue Berufe in der IT-Branche entstanden, die auch für Frauen sehr interessant sind“. Im Hinblick darauf habe man das Studienangebot ausgebaut, sagt Gatermann, und beispielsweise Masterstudiengänge wie „Intermedia & Marketing“ oder „eHealth“ sowie Inhalte, wie beispielsweise Mobile Computing, IT-Security oder Human-Computer-Interaction und Usability ins Programm genommen.

Die Weichen werden früh gestellt

Damit aber auch mehr Frauen den Weg in die IT an der Uni oder in einem Ausbildungsberuf fänden, müsse man früher tätig werden, sagt Ina Pfannschmidt. Bereits in der Pubertät kristallisierten sich Interessen heraus. Insofern seien das Rollen- und Fächerbild prägend, das in dieser Zeit vermittelt werde. „Und in der Zeit sind es vor allem Schule und Elternhaus, die den Einfluss haben.“

Das teils gut ausgebildete Interesse bei jungen Mädchen an naturwissenschaftlichen Themen würde ab dem 16. Lebensjahr rapide abfallen, ergab eine von Microsoft in Auftrag gegebene Studie. 33 Prozent der Mädchen in Deutschland beklagten demnach, dass solche Themen in den Schulen fast ausschließlich aus der „Jungs-Perspektive“ erklärt würden. Außerdem sei ein Großteil der Lehrenden in „MINT“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) – an Schulen wie auch Hochschulen – männlich. Für Mädchen nicht unbedingt passende Vorbilder.

Das führe zu einem weiteren Problem, sagt Weßels, und erzählt von einer Begegnung mit jungen Schülerinnen nach einem Vortrag in einer Flensburger Schule zum Thema Wirtschaftsinformatik: „Interessant, aber das können wir nicht machen“, sagte eine von ihnen. Warum nicht? „Dann kriegen wir ja keinen Freund.“ Weßels sei sprachlos gewesen, erzählt sie. Solange der Tenor herrsche, IT-Berufe seien nicht fraulich, weibliche Fachkräfte gar mit dem Prädikat „unsexy“ behaftet, werde man den Knoten nicht durchschlagen können, so die Professorin. „Wir brauchen akzeptierte und attraktive Vorbilder, an denen sich junge Frauen orientieren können“, ist sie überzeugt.

Vielfalt macht Teams produktiver

Dabei seien für diese „Nerd-Berufe“ viele Fähigkeiten erforderlich, die besonders Frauen zugeschrieben würden: Kommunikation, Empathie, Weitblick – „genau solche Leute suchen die Firmen“, weiß Weßels.

Generell sei Diversität gut für ein produktives Team, sagt Lars Müller, Geschäftsführer der Kieler Digitalagentur Wigital und Erster Vorsitzender des DiWiSH e.V. kennt das Problem des Fachkräfte- wie auch des Frauenmangels in der IT – auch wenn in seiner eigenen Firma beinahe die Hälfte aller Stellen mit Frauen besetzt seien. Man müsse dafür sorgen, dass Frauen in diesen speziellen beruflichen Korridor gelangten, sagt Müller. „Die Wirtschaft fordert das ein.“ Es gebe viele Firmen in der Branche, die wachsen wollen, die Nachfrage nach ihren Produkten sei enorm. „Sie werden aber ausgebremst durch den Mangel an Fachkräften.“

Die aktuellste Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit etwa sieht keinen flächendeckenden Fachkräftemangel - wohl aber Engpässe in einigen technischen Berufen sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen. Mit durchschnittlich 162 Tagen am längsten bleiben demnach Stellen in der Altenpflege unbesetzt, in der Softwareentwicklung und IT-Beratung sind es 143 Tage. Als Engpassberufe bezeichnet man Berufe, auf die pro gemeldete Stelle weniger als zwei Arbeitslose kommen. In Schleswig-Holstein entfielen 2016 im Durchschnitt 48,1 Prozent der offenen Stellen auf Engpassberufe.

Die Karte zeigt die Engpässe in den Bezirken der Arbeitsagenturen:

 

Vielfach seien die Berufsbilder in den Köpfen noch verstaubt – als blasser Nerd gesehen zu werden, locke kaum jemanden an. Zudem seien Frauen in Teilzeitmodellen oder in dem Alter, in dem potenziell die Gründung einer Familie ansteht, im Hinblick auf die Karrierechancen noch immer benachteiligt, weiß Müller. Laut der Bundesagentur für Arbeit geht deutschlandweit fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nach – das hat oft deutliche Einschränkungen in der beruflichen Entwicklung zur Folge.

„Erst die gleichberechtigte Arbeit von Männern und Frauen in heterogenen Teams machen uns stark“, ist Dataport-Vorstandsvorsitzender Johann Bizer überzeugt. Der IT-Dienstleister mit Sitz in Altenholz bei Kiel verzeichnet einen kontinuierlichen Anstieg weiblicher Bewerber auf Stellen in der IT-Beratung, im Produktmanagement, in der Entwicklung wie auch bei Trainee-Stellen. Seit 2012 stieg die Quote demnach auf inzwischen 25 Prozent.

Der Frauenanteil im Unternehmen liegt seit mehreren Jahren sogar bei knapp 30 Prozent  und ist damit deutlich höher als der durchschnittliche Frauenanteil in der IT-Branche. In Deutschland lag der weibliche Anteil in der Tech-Branche einer Bitkom-Umfrage von 2015 zufolge bei 24 Prozent. Im Top-Management waren es gerade mal fünf Prozent. Dataport gewähre gleiche Chancen für Mitarbeiter in Teilzeit wie für Vollzeitkräfte – laut dem Unternehmen ein möglicher Grund für die Entwicklung in der Bewerberstruktur.

Außerdem habe man im IT-Trainee-Programm sehr gute Erfahrungen mit Hochschulabsolventen gemacht, die Informatik nicht im Hauptfach, sondern im Nebenfach studiert haben. Neben dem technischen Know-how brächten sie Fähigkeiten mit, die sie in ihren Hauptfächern erlernt haben, und seien so breit aufgestellt – attraktiv für Stellen in der IT-Beratung oder im IT-Projekt-Management. „Frauen entscheiden sich selten für ein Informatikstudium im Hauptfach, sind aber häufig im Nebenfach mit Begeisterung dabei, und bringen damit die richtigen Voraussetzungen mit“, heißt es auf Nachfrage.

Die Branche setzt auf Vernetzung und Kennlern-Angebote

Den Schwarzen Peter für den Frauenmangel Schulen, Hochschulen oder Unternehmen allein zuzuschieben, sei falsch, sagt Lars Müller deutlich. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, an dessen Lösung alle mitarbeiten müssten. Auch die Unternehmen müssten für Berufsanfänger sichtbarer werden, sagt Müller. Bei der DiWiSH setze man unter anderem auf den „Jobbus“, eine Aktion, bei der Studierende (männlich wie weiblich) mit einem Bus an der jeweiligen Hochschule eingesammelt werden und mehrere Unternehmen im Land besuchen.

Universitäten setzen teils auf Schnupperstudiengänge. Um den weiblichen Nachwuchs für die IT zu begeistern, biete man Studiengänge nur für Frauen, oder – wie auch die Wirtschaft – besonderes Programm zu Aktionstagen wie beispielsweise dem „Girls Day“.

Ein wichtiger Punkt sei zudem die Vernetzung: Unter dem Titel „Frauen in die IT“ will der Verein DiWiSH jungen Frauen Vorbilder liefern. Außerdem freue sich Weßels auch über eigenständige Gruppen wie die Digital Media Women (#DMWSH), in denen sich Frauen aus der Branche vernetzen. Zudem arbeite man im Rahmen einer „Fachgruppe digitale Bildung“ daran, Experten in die Schulen zu bringen, sagt Weßels. Damit solle anhand aktueller Themen aus der Branche ein Eindruck der Praxis entstehen – und ein Einblick in die Szene, die Lars Müller als entspannt, nett und kollegial beschreibt. „Es macht Spaß, da zu arbeiten. Auch für Frauen.“

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erstellt am 29.Apr.2017 | 08:00 Uhr

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