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Streifzüge durchs Web : iPhone-Besitzer haben Stockholm-Syndrom

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Das iPhone gilt als "der Inbegriff" der Handys. Doch es kann längst nicht alles. Benutzer verteidigen ihr geliebtes Spielzeug, was eine Studie jetzt bestätigt. Eine persönliche Betrachtung von Hauke Mormann.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2009 | 12:58 Uhr

Es wurde ganz groß angepriesen, wie eine bahnbrechende Errungenschaft: "Text in einer E-Mail markieren, ausschneiden, und einfach woanders einfügen. Copy and Paste!" So ähnlich sprach eine Stimme in der TV-Werbung über das iPhone 3G S. Eigentlich eine Anwendung, die für viele andere mobile Kommunikationsgeräte schon lange eine Selbstverständlichkeit war, doch von Apple erst im dritten Modell seiner Handyreihe eingesetzt wurde. Mittlerweile wurde diese Eigenschaft via Firmware-Update auch auf den Vorgängermodellen nachgerüstet, wie mir ein Kollege und Besitzer eines iPhones der ersten Generation berichtete.
Copy and Paste ist nur ein Beispiel einiger Funktionen, die das iPhone nicht (von Anfang an) beherrscht. Viele iPhone-Nutzer unter meinen Kollegen haben das stets abgetan mit Phrasen wie: "Ja, das ist blöd, aber dafür kann es..." Das iPhone ist für seine Besitzer der "Gott" der Mobilfunkgeräte. Das bestätigt jetzt auch eine Studie der dänischen Beraterfirma Strand Consult: Nutzer des iPhones zeigen Symptome des Stockholm-Syndroms, heißt es in der Publikation "The moment of trouth, a portrait of the iPhone" ("Der Moment der Wahrheit, ein Portrait über das iPhone"). Beim Stockholm-Syndrom sympathisieren Entführungsopfer mit ihrem Entführer. Der Name entstand 1973 bei einem Banküberfall mit Geiselnahme in Stockholm.
Der Netzanbieter hat Schuld, nicht das Gerät
Laut Studie verteidigen iPhone-Nutzer den Hersteller Apple gegen Kritik auf ähnliche Weise wie die Stockholm-Geiseln ihre Geiselnehmer. In ihrer Studie führen die Mitarbeiter von Strand Consult 20 Mängel auf, die Nutzer meist nicht wahrhaben wollen oder verharmlosen. Dazu gehört etwa die Kontrolle durch Apple, welche Anwendungen auf dem Gerät installiert werden können. Auch die Computersprache Java kann das Apfel-Telefon nicht.
Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass iPhone-Nutzer einen Fehler eher beim Netzanbieter suchen als an ihrem Apple-Gerät, wenn der Anbieter mit Apple zusammenarbeitet. "Ich habe mein iPhone gleich gecrackt und nutze ein anderes Netz", erzählte da einer meiner Kollegen. Auf die Studie angesprochen reagiert er sofort: "Ich bin absolut kein Apple-Freund. Ich habe das iPhone nur, weil es sich so leicht bedienen lässt."
Akku am Ende, iPhone am Ende
Ja, beim Thema iPhone wird manche Äußerung paradox - wie auch einige Funktionen des Gerätes selbst es sind. So sind zwar Bluetooth-Verbindungen möglich, doch der Austausch von Dateien ist es nicht - "um die Musikpiraterie nicht zu unterstützen", lautet die Erklärung einer Kollegin. Auch der Akku lässt sich nicht austauschen. Selbst bei Apple unterliegt er dem Verschleiß - ist er am Ende, bedeutet es das Aus für das ganze Gerät. Es sei denn, der Liebhaber nutzt es nur noch an einer Steckdose. "Die Akkugeschichte ist doof. Ganz klar. Aber das macht das iPhone mit allem anderen wett", schützt ein weiterer Kollege seinen "Kommunikationsgott".
Doch lassen Sie mich selbstkritisch werden: neigt nicht jeder von uns dazu, eine Marke, die er lieb gewonnen hat, zu unterstützen - auch wenn das mit paradoxen Äußerungen geschieht? Touchscreen ist zwar ganz nett, aber ich brauche Tasten. Ich will fühlen, was ich drücke. Da ist so ein HTC-Modell wie etwa das "Touch Pro2" mit Windows Mobile - wie sein Werbespruch - "quietly brilliant". Jedenfalls finde ich es ist gut zu wissen, dass es für das iPhone jetzt auch eine Studie gibt, die das Paradoxe belegt. Und für alles andere, was das Apple-Handy nicht kann, gibts ja zum Glück noch ne App.

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