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Das neue Fernsehen : Internetsender „Rocket Beans TV“: Das „gallische Dorf in der Medienwelt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Live und zum Mitmachen: Der Hamburger Internet-Fernsehsender „Rocket Beans TV“ setzt auf Interaktion mit dem Zuschauer. Das Konzept scheint aufzugehen.

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erstellt am 04.Mär.2016 | 17:52 Uhr

Wer sich in den Studios im Hamburger Schanzenviertel ohne weiteres zurechtfindet, muss hier schon viel Zeit verbringen. Madlin Fechner fällt es nicht schwer, ihren Weg durch die neuerdings auf drei Häuser verteilten 1100 Quadratmeter zu finden – es ist ihr Zuhause. Sozusagen. Sie ist eine von inzwischen rund 60 Mitarbeitern bei „Rocket Beans TV“. Für sie ist es Ehrensache, Zeit und Herzblut in das junge Unternehmen zu stecken – wie wohl auch für den Rest der stetig wachsenden Belegschaft.

Dem klassischen Fernsehen laufen die Zuschauer weg. Die Branche sucht nach Erfolgsrezepten. Doch das ist gar nicht so einfach.

Am 15. Januar 2015 ging der Internet-Fernsehsender zum ersten Mal online– seitdem wird ohne Pause 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche gesendet, zehn Stunden davon werktäglich live. Das fordert den Machern viel ab: „Jeder hier ist die Extra-Meile gegangen“, sagt „Rocket Beans TV“-Geschäftsführer Arno Heinisch. Entstanden ist Fernsehen zum Anfassen und Mitmachen.

<p>Auf 1100 Quadratmetern tummeln sich inzwischen 60 Mitarbeiter. Allein in den vergangenen zehn Monaten kamen 35 hinzu.</p>

Auf 1100 Quadratmetern tummeln sich inzwischen 60 Mitarbeiter. Allein in den vergangenen zehn Monaten kamen 35 hinzu.

Foto: Rocket Beans TV
 

Denn das Besondere an dem Nerd- und Indie-Sender ist der interaktive Charakter der Live-Sendungen. Das sorgt für eine persönliche Note, gleichzeitig bekommen die Zuschauer eine Stimme: Während der Show stellen sie in einem Chat Fragen oder geben Anregungen. Der Moderator liest mit und antwortet – ganz direkt, frei von der Leber weg. „Wir liefern ehrliche Inhalte“, sagt Heinisch. „Außerdem besetzen wir eine Nische und machen das, was wir mögen.“ Ein mögliches Geheimnis für den Erfolg. „Das ist großer Luxus für uns“ – und es macht authentisch.

Ehrlich gehen die „Bohnen“, wie sich das Team nennt, auch mit dem Thema Werbung um – eine wichtige Geldquelle für „Rocket Beans TV“. Produktplatzierungen, Werbespots, gekaufte Inhalte oder Spieletests sind Teil des Programms – der werbende Charakter wird aber keinesfalls unter den Tisch gekehrt, von Firmen zur Verfügung gestellte Produkte außerdem kritisch auf Herz und Nieren geprüft. „Der Zuschauer wird für voll genommen“, sagt Heinisch. Und das zahle sich aus: „Die Leute wollen Werbung sehen.“ Denn sie wüssten, dass sie den Sender damit unterstützen.

In den 15 Jahren, die sie inzwischen hinter und vor der Kamera verbracht haben, habe sich eine loyale Gemeinde um die fünf Gründer gebildet, erzählt Heinisch: „Unsere Fans sind mit uns erwachsen geworden. Sie haben eine emotionale Verbundenheit zu uns. Das ist unbezahlbar.“ Ein Großteil der Zuschauer (52 Prozent) ist zwischen 25 und 34 Jahre alt.

<p>In den Räumen des Internet-TV-Senders findet Fanpost ihren Platz.</p>

In den Räumen des Internet-TV-Senders findet Fanpost ihren Platz.

Foto: Rocket Beans TV
 

Begonnen hat alles mit „Giga“ – einer Sendung auf dem Kanal NBC Europe, bei der vier der „Bohnen“ – Daniel Budiman, Etienne Gardé, Nils Bomhoff und Simon Krätschmer – ihre Wurzeln haben. Danach wurden sie durch die vom Musiksender MTV ausgestrahlte Sendung „Game One“ weiter bekannt – und ihre Fangemeinde größer. Nach acht Jahren war hier Schluss, die Sendung wurde abgesetzt – ein Schock für die Moderatoren. Gemeinsam mit Arno Heinisch gründeten sie 2011 „Rocket Beans TV“, starteten im Sommer 2012 ihren Youtube-Kanal, der heute als Mediathek genutzt wird. 2015 ging es dann richtig los. Doch nicht nur den fünf Gründern gefiel ihre Idee vom eigenen TV-Sender im Netz, auch ihren Fans: „Ohne die Community hätten wir den Schritt nicht gewagt“, sagt Heinisch. Nicht nur Geldspenden, auch der mentale Rückhalt gab ihnen Kraft für ihr neues Projekt.

Obwohl der Schwerpunkt des Senders auf dem Thema Games liegt, ist das Programm bunt gemischt: In der Morgensendung „MoinMoin“ behandeln wechselnde Moderatoren Themen von A bis Z, beim Chat-Duell – einer Quizshow nach dem Vorbild der 90er-Jahre Show „Familien-Duell“ – war bereits ZDF-Neo-Moderator Jan Böhmermann zu Gast, Filmbegeisterte kommen bei einem Kinomagazin auf ihre Kosten.

Auch Fußball-Nationalspieler André Schürle saß bereits bei den „Bohnen“ auf dem Sofa – und half dem Team, der Moderatorin einen Streich zu spielen.

Das Konzept scheint aufzugehen: Inzwischen werde täglich 120.000 Mal auf die Live-Sendungen auf der Streaming-Plattform „Twitch“ zugegriffen. Nach eigenen Angaben ist „Rocket Beans TV“ mit insgesamt 42,6 Millionen Views europaweit der erfolgreichste Kanal auf der Plattform. Durchschnittlich verweilen die Nutzer dort drei Stunden. 240.250 User folgen dem Sender, wollen also informiert werden, sobald es neue Inhalte gibt. „Wir haben keine Geheimformel, kein System geknackt“, sagt PR-Managerin Madlin Fechner. „Das ist das Internet.“

Das Treiben des Nerd-Senders wird inzwischen auch von Machern des klassischen Fernsehens beäugt, auch wenn man noch „unter dem Radar“ laufe. „Wir sind das gallische Dorf in der Medien- und Fernsehwelt“, sagt Heinisch. Doch die Expertise der Gründer ist gefragt. Sie erklären Medienmachern, wie sie ihre Welt verstehen, werden auf Kongresse eingeladen, um ihr Konzept vorzustellen, wie in dieser Woche auf dem New TV Kongress in Hamburg der Initiative Next Media Hamburg, auf dem sich die Branche mit der Zukunft des Fernsehens auseinandersetzt.

Das Fachpublikum lauscht gespannt, wenn Daniel Budiman aus dem Nähkästchen plaudert – und offen zugibt, dass er selbst nicht genau weiß, wo die Reise hingeht: „Ich komme morgens und gehe abends kopfschüttelnd – aus Respekt, Angst und Dankbarkeit.“

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