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Extra Kosten für Online-Gamer : Internet-Maut: Telekom will für hohe Netz-Bandbreiten extra zur Kasse bitten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Start-ups und Online-Gamer müssen wohl bald bei der Telekom mehr Geld zahlen, wenn sie schnelle Verbindungen wollen. Ist das der Beginn des Zwei-Klassen-Internets?

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2015 | 08:15 Uhr

Das ging schnell. Schon wenige Tage nach der umstrittenen Abstimmung des EU-Parlaments über Kompromisse zur Netzneutralität erklärt die Telekom, wie sie Start-ups und Online-Gamer künftig zur Kasse bitten könnte. Die Gedankenspiele von Konzern-Vorstand Timotheus Höttges bestätigen die Befürchtungen, die Kritiker im Vorfeld geäußert hatten und sorgen im Netz für Wirbel.

Zum Hintergrund: Am vergangenen Dienstag haben die Abgeordneten in Straßburg einem Verordnungsentwurf zugestimmt, nach dem bestimmte Spezialdienste im Netz bevorzugt werden dürfen. Dabei hieß es bisher immer, dass Netzbetreiber alle Datenpakete gleichberechtigt durch ihre Leitungen schicken, egal woher sie stammen oder welchen Inhalt sie haben. Befürworter der Verordnung – unter ihnen EU-Kommissar Günther Oettinger – hatten mit Telemedizin und anderen Notdiensten argumentiert, denen auf der Datenautobahn Vorfahrt gewährt werden soll. Die Gegner wiesen darauf hin, dass der Begriff nicht ausreichend definiert und damit zu schwammig sei.

Müssen Start-ups zukünftig den Netzbetreiber am Umsatz beteiligen, wenn sie bei der Datengeschwindigkeit mit großen Internetdiensten wie Google, Facebook oder Amazon mithalten wollen? Höttges Antwort: „Ein paar Prozent“ vom Umsatz, „das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur“.

Er sieht es als Möglichkeit für kleine Unternehmen an, mit der Übertragungsqualität von Daten großer Unternehmen gleichzuziehen. „Google und Co. können sich weltweite Serverparks leisten, damit die Inhalte näher zu den Kunden bringen und die Qualität ihrer Dienste so verbessern. Das können sich Kleine nicht leisten.“

In einem am Mittwoch veröffentlichten Beitrag für den Unternehmens-Blog der Telekom erklärt der Konzern-Chef, was für ihn die sogenannten Spezialdienste sind, die laut der neuen EU-Verordnung Vorfahrt auf der Datenautobahn erhalten – und dafür zahlen müssen: „Das fängt bei Videokonferenzen und Online-Gaming an und geht über Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie.“

Dass man im Netz für zusätzlichen Service mehr zahlen müsse, sei nicht neu, schreibt Höttges und verweist auf erweiterte Suchfunktionen für zahlende Kunden der Karriere-Netzwerke Xing und LinkedIn oder Videos in HD statt SD. „In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen. Qualitätsdifferenzierung ist keineswegs eine Revolution im Netz, sondern die natürliche Weiterentwicklung.“

Dass die Telekom auch explizit Computerspiele ins Feld führt, dürfte zahlreiche Gamer aufhorchen lassen. Wer dabei zahlt, bleibt aber in dem Beitrag offen. Möglich wären neben den Nutzern auch die Anbieter oder eben beide.

Das Internet, so Höttges, sei ein Informations- und Partizipationsmedium. „Es muss deshalb frei, offen und ohne Diskriminierung bleiben.“ Gleichzeitig müsse aber die Chance bestehen, „das Netz durch höhere Investitionen und mit neuen innovativen Diensten weiterzuentwickeln.“

Dabei liefert das Unternehmen nicht nur die Infrastruktur für solche Dienste. Mit „T-Entertain“ ist die Telekom auch selbst Anbieter von HD-Fernsehen, Filmen und Serien auf Abruf.

In den sozialen Netzwerken gibt es viele Posts über die Netzneutralität und die Ankündigung der Telekom. Das Unternehmen kommt dabei nicht gut weg.

Was versteckt sich eigentlich alles hinter dem Begriff der „Netzneutralität“? shz.de mit Fragen und Antworten:

Das Parlament hat Regeln zur Netzneutralität beschlossen. Was versteht man unter Netzneutralität?

Netzneutralität bedeutet, dass Internet-Anbieter alle Datenpakete gleichberechtigt durch ihre Leitungen schicken, egal woher sie stammen oder welchen Inhalt sie haben. Da die Datenmenge ständig wächst, steigt damit auch die Gefahr von Staus im Netz. Deshalb wurde diskutiert, ob in Sonderfällen nicht doch manche Internetdienste Vorfahrt bekommen sollten.

Wie wird die Netzneutralität in Europa nun geregelt?

Niemand soll sich seine Vorfahrt im Internet erkaufen dürfen, legt die Verordnung fest. Allerdings wird in dem Papier der Begriff der „Spezialdienste“ eingeführt, der das Prinzip der Netzneutralität aushebeln könnte. Die Rede ist von Diensten wie der Telemedizin oder dem Fernsehen im Internet. Diese Dienste sollen andere Nutzungen nicht verdrängen und nur angeboten werden, wenn es genügend Kapazität gibt. Sie dürfen aber privilegiert behandelt werden. Die Ausnahme von der Regel soll also dafür sorgen, dass beim Video-Streaming das Bild nicht ruckelt oder bei einer Telemedizin-Anwendung das Bild während einer Operation nicht plötzlich unscharf wird - nur weil gerade nicht genügend Bandbreite zur Verfügung steht.

Warum ist das alles so umstritten?

Kritiker fürchten, dass die Netzneutralität durch vage Formulierungen praktisch abgeschafft wird. Vor der Abstimmung hatten mehr als 30 führende Startups, Internetunternehmen und Investoren aus Europa und den USA Änderungen der Pläne gefordert. Auch Web-Erfinder Sir Tim Berners-Lee wandte sich gegen die Regelung. Die Kritiker befürchten, dass die Entwicklung innovativer Dienste behindert wird, wenn Internet-Provider bezahlpflichtige „Überholspuren“ für bestimmte Daten einrichten und andere Dienste ausbremsen dürfen. Pilar del Castillo von der spanischen konservativen Partei PP, Berichterstatterin im EU-Parlament, rechtfertigte die Ausnahmen mit dem Argument, dadurch würden innovative Dienste erst möglich.

Worum geht es beim sogenannten „Zero Rating“?

Die meisten „Flatrates“ für einen Internet-Zugang sehen eine Drosselung der Geschwindigkeit ab einem bestimmten verbrauchten Volumen vor. Beim „Zero Rating“ bieten die Provider an, bestimmte Dienste aus der Volumen-Berechnung für eine Drosselung auszuklammern. So bietet die Deutsche Telekom schon heute einen Mobilfunktarif mit einer „Music Streaming Option“ an, bei dem die Songs von Spotify ohne Belastung des Datenvolumens aufs Smartphone kommen. Wer dagegen einen anderen Dienst wie Deezer, Napster, Juke oder Apple Music nutzt, muss sich die Streamingdaten auf sein Kontingent anrechnen lassen.

Ähnliche Deals bieten manche Internet-Provider den Kunden von Video-Streamingdiensten an. Im ersten Gesetzesentwurf war dieses „Zero Rating“ noch untersagt, im aktuellen Entwurf findet sich das Verbot nicht mehr. Kritiker meinen, dass mit dem „Zero Rating“ Strukturen geschaffen werden, die kleineren Firmen den Einstieg in einen Markt erschwert.

Welchen Spielraum haben die Provider beim Management ihrer Netze?

Wenn das Netz tatsächlich überlastet ist, dürfen die Provider ohnehin steuernd eingreifen und beispielsweise dafür sorgen, dass Notrufnummern noch erreichbar sind. Die Vorfahrt für bestimmte Dienste wird in der Verordnung allerdings schon dann erlaubt, wenn eine Netzüberlastung noch gar nicht eingetreten ist. Web-Erfinder Berners-Lee befürchtet, dass auf dieser Grundlage beispielsweise alle verschlüsselten Datenströme in eine Kategorie gepackt und und dann gedrosselt werden.

 
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