Wartezeit mit Smartphone : Immer Online – Verlernen wir das Nichtstun?

Ablenkung Smartphone: Mit Surfen, Chatten oder Spielen verkürzen viele die Wartezeit. Doch das hat auch Nachteile.
Ablenkung Smartphone: Mit Surfen, Chatten oder Spielen verkürzen viele die Wartezeit. Doch das hat auch Nachteile.

Das Warten stirbt aus. Jedenfalls das reine Warten ohne Ablenkung durch Internetsurfen, Chatten, Spielen. Beim Zahnarzt mag das seine Vorteile haben. Doch Experten warnen vor einem Kulturverlust.

shz.de von
12. Mai 2015, 05:15 Uhr

Viele können es sich schon gar nicht mehr vorstellen: Im Wartezimmer des Doktors, an Bushaltestellen und auf Amtsstuben verbrachte man früher geraume Zeit mit Warten. Warten im Sinne von Nichtstun. Gegen die Wand starren. Ausharren und sich in Geduld üben. Heute gibt es das praktisch nicht mehr, weil nahezu jeder mit einem Smartphone ausgestattet ist und sich die Zeit mit Surfen, Chatten oder Spielen vertreibt. Das Ende der Langeweile – eine Erlösung?

Ohne Zweifel: Warten konnte quälend sein. Zum Beispiel beim Zahnarzt. Und doch meint der Philosoph Stefan Gosepath: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“ Warten können hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun. „Man ließ die Welt auf sich wirken. Man konnte nachdenken“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer von der Universität Mannheim. „Dass das verschwindet, ist ein Problem. Das wird etwas sein, das uns nachhaltig verändern wird.“

Zum einen kann es das Denken beeinträchtigen. Von Kindern weiß man, dass sie nicht kreativ sein können, wenn sie jeden Tag ein vollgepacktes Programm haben. Sie brauchen die Langeweile, um selbst Ideen zu entwickeln. „In der Erfahrung des Wartens kann eine Chance liegen“, meint Gosepath, Professor an der Freien Universität Berlin. „Man braucht die Phasen des Nichtstuns, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.“ Man schaut aus dem Fenster, die Gedanken gleiten weg – plötzlich hat man einen Einfall. „Das ist natürlich nicht garantiert, aber wenn man keine Gelegenheiten schafft für solche Gedanken, dann kommen sie auch nicht“, sagt Gosepath.

Auch die Fähigkeit, genau hinzuschauen, könnte an Qualität verlieren, wenn das Warten vollends abgeschafft wird. Wenn man früher Morgen für Morgen an derselben Haltestelle wartete, fielen einem kleinste Veränderungen auf. Die Frau, die auch jeden Morgen da stand, trug einen neuen Mantel.

Galeristen auf der Kunstmesse Art Cologne die Befürchtung, dass die heranwachsende Generation das Bildersammeln verlernen könnte – weil sie es eben nicht mehr gewohnt ist, immer wieder denselben Anblick zu ertragen. Die Bilder müssen im Sekundentakt wechseln.

Vorderer glaubt allerdings, dass das Warten ein Comeback erleben wird. Die ständige Kommunikation werde eine Gegenreaktion hervorrufen: „Ich bin davon überzeugt, dass wir uns diese Momente des Wartens zurückholen werden.“

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