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Dirks' Netzwelt : Ich habe abgemahnt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Unterschied zwischen "guten" und "bösen" Anwälten ist komplizierter als oft dargestellt, meint Kolumnist Stephan Dirks.

Haben Sie schon gehört? Eine neue Abmahnwelle droht! Diesmal wird sie uns ganz bestimmt alle mitreißen. Auch Sie – wenn Sie nicht entweder sofort alle Fotos und sonstigen abmahnfähigen Inhalte von Ihrem Blog, Facebook- oder Xing-Profil löschen. Oder, das ist die einzig andere Rettung: Sie kennen diesen gewissen Anwalt aus Köln näher. Denn der kennt wirklich alle Tricks und lehrt die Abmahnanwälte regelmäßig das Fürchten. Der kennt sich aus, das sieht man schon an seiner Werbung auf Google: „ABMAHNNOTRUF TAG UND NACHT!“ – Das ist ein Guter. Und die Bösen? Klar, das sind die Abmahnanwälte. Gewissenlose, durch nichts als die eigene Gier getriebene semi-kriminelle Subjekte, die für eine Handvoll Dollar Zehntausende argloser Porno-Gucker und Abermillionen gutgläubiger Filesharer bis aufs letzte Hemd aussaugen und dann heuschreckengleich zur nächsten Abmahnwelle weiterziehen; nicht mal vor den eigenen Kollegen (denen ohne „Xing“-Impressum) haltmachende Typen ohne Anstand und Moral.

Und ich? Besser wär’s ja, ich wäre einer von den Guten. Oder gehöre ich doch zu den Bösen? Zugeben muss ich immerhin, dass ich noch nicht wegen eines fehlenden „Xing“-Impressums abgemahnt wurde. Auch räume ich ein: Ich habe einiges Verständnis dafür, dass zum Beispiel Musiker dagegen vorgehen, dass dieselben Songs, die sie verkaufen möchten, über illegale Tauschplattformen kostenlos zu haben sind. Und jawohl, ich gestehe es: Ich habe abgemahnt. Das letzte Mal gerade gestern, da ging es um die Nutzung von Adressen aus Gewinnspielen für Spam-Emails.

Ehrlich gesagt, ich habe dafür sogar noch Geld genommen.
Und noch ehrlicher, ich glaube, dass tun die Kollegen Abmahn-Notruf-Helfer auch. Man munkelt, einige sind sogar nicht billig, so wie ich übrigens auch nicht billig bin. Auch dann nicht, wenn ich Abgemahnte vertrete. Welcher Umsatz wohl der größere ist? Der auf dem Abmahnmarkt oder der auf dem Abmahn-Abwehrmarkt?

Wenn ich mir die Sache recht überlege, ist die Frage, wer „guter“ und wer „böser“ Anwalt ist, vielleicht doch etwas komplizierter. Und die Frage, wer von der ständigen Abmahnpanikmache am Ende wirklich profitiert, vielleicht gar nicht so einfach zu beantworten. Klar ist allerdings: Sie, lieber Leser, sind es wahrscheinlich nicht.

>Der Autor ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht und führt den Blog www.socialmediarecht.de

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