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Christiansens Netzwelt : Hohn und Spott dank Comic Sans

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Netz wird gerne gehasst, selbst vor so etwas Banalem wie einer Schriftart macht man nicht Halt.

von
erstellt am 21.Apr.2017 | 08:56 Uhr

Es ist ein paar Jahre her, aber das Gefühl, das den Reflex auslöste, jegliche Schuld von mir zu weisen, ist mir noch immer sehr präsent. Mein damaliges Handy (noch nicht so smart) hatte seinen Geist aufgegeben, ein neues Gerät musste her. Eine Freundin hatte ein Smartphone einer früheren Generation aussortiert in der Schublade liegen und lieh es mir. Ich fand das toll – schließlich konnte ich wieder telefonieren und SMS schreiben (ja: SMS!). Die schlauen Seiten des Telefons waren mir erst einmal egal.

Ebenfalls egal waren mir die Design-Einstellungen. Jegliche Kalender- oder Telefonbucheinträge wie auch Notizen waren in Comic Sans dargestellt. Eine schnörkellose, irgendwie simpel anmutende Schriftart, die – wie der Name schon sagt – angelehnt ist an jene in den Sprechblasen vieler Comic-Helden. Dass sich daraus für mich Image-Probleme ergeben würden, hätte ich nicht gedacht. Meine Freunde nahmen die Schrift in meinem Telefon zum Anlass, mich zu foppen.

Gut – sie ist ein wenig charakterlos, diese Schrift. Und sie wirkt vielleicht auch nicht herausragend seriös. Doch der Spott, der Comic Sans und ihren Anwendern entgegengebracht wird, ist schon beachtlich. Insbesondere im Netz teilen die Gegner aus: Comic Sans transportiere „Doofheit und Naivität“, in Petitionen setzen sie sich für ihr Ende ein. Ganz ernst gemeint ist dies wohl nicht.

 

Über die Witzeleien meiner Freunde konnte ich lachen, und die Schriftart habe ich mit dem Handy irgendwann an die eigentliche Besitzerin zurückgegeben. Doch anschließend war mir klar: Wenn du ernst genommen werden willst, lass’ die Finger von Comic Sans. Und: Heutzutage kann selbst eine Schriftart Anlass dafür sein, dass man sich rechtfertigen muss. Ich finde das irgendwie anstrengend.

Interessant ist, dass selbst der Erfinder von Comic Sans, Vincent Connare, die Schriftart nur ein einziges Mal selbst verwendete, wie er jüngst dem Guardian sagte – und zwar in einer Beschwerde-Mail an seinen Internetprovider. Das Schreiben wirkte, er bekam Geld erstattet. Connare wusste um die emotionale Sprengkraft seines Werkes: „Comic Sans schreit.“ Und das Netz schreit „dagegen“.

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