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Erst Brexit, dann US-Wahl : Hat Trump dank Wählermanipulation via Facebook gewonnen?

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Wahlplakate waren gestern. Die Zukunft der Wählerbeeinflussung findet in sozialen Netzwerken statt. Ein Unternehmen behauptet jetzt, Trump zum Sieg verholfen zu haben.

shz.de von
erstellt am 05.Dez.2016 | 15:51 Uhr

Wer googelt, mit dem Smartphone navigiert, chattet, online Restaurants bewertet und auf Facebook Likes verteilt, der hinterlässt Spuren. Suchmaschinen, Facebook und WhatsApp wissen sehr viel mehr über uns, als uns lieb sein dürfte. Das ist hinlänglich bekannt. Werbefirmen nutzen die digitalen Fußabdrücke, um personalisierte Anzeigen an den Mann oder die Frau zu bringen. Wer online etwa nach Linderung für Migräne-Attacken sucht, bekommt per Facebook-Werbung umgehend Kopfschmerzmedikamente empfohlen.

Je mehr wir uns online bewegen, desto vollständiger wird das psychologische Profil, das anhand unserer Daten erstellt werden könnte. Könnte? Tatsächlich ist das inzwischen keine Vorstellung aus Science-Fiction-Romanen mehr. Denn es wird längst getan. Und nicht nur Wirtschaftsunternehmen haben es auf die Datensätze abgesehen, sondern auch politische Parteien. Eine Analyse der Schweizer Zeitschrift „Das Magazin“ sorgt derzeit für Furore. Die Autoren schildern, wie es dem Wahlkampf-Team von Donald Trump gelang, psychologische Profile von Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook zu erstellen – millionenfach. Und wie diese Profile für eine gezielte und personalisierte Wähleransprache genutzt wurden.

Die Methode habe Trump zum Sieg verholfen, zeigt sich das Autorenduo überzeugt. Noch bevor Trumps Wahlkampfhelfer an einer Tür klingelten, um die Werbetrommel für ihren Kandidaten zu rühren, hätten sie mithilfe einer App gewusst, welche Eigenschaften, Ängste und Wünsche die Bewohner haben – und ob ein Überzeugungsversuch überhaupt lohnt. So konnten sie die Angesprochenen mit gezielten Botschaften bearbeiten.

„Micro-Targeting“ nennen Wissenschaftler diese individualisierte Ansprache. „Das wird unser Demokratie-Verständnis komplett verändern“, sagt Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Technischen Universität München. „Es stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch freie, gleiche und geheime Wahlen haben, wenn Bürger mit so unterschiedlichen Botschaften konfrontiert und beeinflusst werden.“ Bisher hätten die etablierten Parteien vor allem um die Mitte der Gesellschaft geworben. Nun könne jeder Wähler potenziell da „abgeholt werden“, wo er politisch stehe – mithilfe von Profilern und Algorithmen.

Legal sei die Methode, sagt Hegelich. Aber ist sie auch legitim? Was, wenn künftig nicht mehr die Partei mit der überzeugendsten Botschaft oder dem beliebtesten Politiker gewinnt, sondern jene mit den besten Psychologen und cleversten Marketingexperten? Zumindest diese Befürchtung scheint übertrieben zu sein – noch. Denn der tatsächliche Effekt von Wählerbeeinflussungsversuchen sei generell eher gering, erklärt Digitalisierungsexperte Hegelich. „Das gelingt so gut wie nie. Studien zeigen, dass mehr als 95 Prozent der Wähler ihre Entscheidung nicht von einer solchen Beeinflussung abhängig machen.“

Als einziges wahlentscheidendes Moment die Facebook-basierte Wählermanipulation auszumachen, wie es die „Magazin“-Analyse nahelegt und wofür die Autoren beispielsweise im Blogpost des WDR und in einer Analyse des Social-Media-Beraters Jens Scholz kritisiert werden, scheint also zu kurz gesprungen. Es wird kritisiert, dass das Unternehmen keinerlei Beweise für eine steile These anführt.

Allerdings: Bei einem so engen Kopf-an-Kopf-Rennen, wie es sich Donald Trump und Hillary Clinton lieferten, in einer so stark polarisierten Gesellschaft wie den USA sei ein wahlentscheidender Erfolg der Methode zumindest vorstellbar, glaubt Hegelich.

Droht 2017 nun auch in Deutschland ein Wahlkampf der Social-Media-basierten Psychokampagnen? Immerhin: Cambridge Analytica, die Firma, die dem Trump-Lager die abertausenden Persönlichkeitsprofile beschaffte und auch schon bei der Brexit-Kampagne mitmischte, soll laut „Magazin“ Anfragen aus Deutschland haben. „2017 werden wir hierzulande vermutlich den letzten klassischen Wahlkampf erleben“, sagt Politikwissenschaftler Hegelich. Noch zeigten sich die größeren Parteien zurückhaltend, was personalisierte Wählerbeeinflussung über Social Media angeht. Was auch daran liege, dass es an Erfahrung, Personal und Geld für solche Methoden fehle. 15 Millionen Dollar zahlte die Trump-Kampagne an Cambridge Analytica. Viel mehr steht den Parteien in Deutschland für ihren gesamten Wahlkampf gar nicht zur Verfügung.  Allerdings: Zuerst war die Firma für den in den Vorwahlen unterlegenen Ted Cruz im Einsatz. Ihn brachte die Kampagne bekanntermaßen nicht ins Amt.

Die Alternative für Deutschland immerhin hatte mit ihrer Ankündigung für Irritation gesorgt, sogenannte Social Bots einsetzen zu wollen – Software, die massenhaft Nutzerbeiträge in sozialen Netzwerken generiert und das Meinungsbild erheblich verzerren kann. Inzwischen ruderte die Partei zurück.

Beeinflussung über Facebook? Das läuft in Deutschland bisher noch wesentlich primitiver ab. „Wir konnten mit einer Auswertung zeigen, dass es für die AfD beispielsweise in Sachsen einen relativ umtriebigen Rentner gibt“, berichtet Hegelich. „Der sympathisiert mit der Partei, will etwas für Deutschland tun, sitzt acht Stunden täglich am Rechner und sondert Kommentare ab.“ Bei der Bundestagswahl 2021 könnte der ältere Herr bereits arbeitslos sein – wenn intelligente Software seinen Dienst übernimmt.

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