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Kriegserklärung des Hacker-Netzwerks : Hat Anonymous Chancen im Kampf gegen den IS-Terror?

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Aus der Onlineredaktion

Kurz nach den Anschlägen in Paris erklärt das Hackerkollektiv Anonymous dem IS den virtuellen Krieg. Seiten werden lahmgelegt und Social-Media-Accounts gesperrt. Doch verhindert das künftige Anschläge?

shz.de von
erstellt am 18.Nov.2015 | 12:39 Uhr

Paris | Das Hackerkollektiv Anonymous macht ernst. Seit der virtuellen Kriegserklärung gegen die IS-Terrormiliz nach den Anschlägen in Paris am vergangenen Freitag rühmt sich das Hacker-Netzwerk bereits mit zahlreichen Erfolgen. So wurden viele Webseiten attackiert und Dutzende Twitter-Accounts gelöscht. „Diese Attentate können nicht ungestraft bleiben“, hieß es in einem am Samstag veröffentlichten Video. Darin ist eine Person im schwarzen Kapuzenpulli und mit der typischen Guy-Fawkes-Maske zu sehen.

Gesprochen wird die Botschaft von einer Computerstimme: „Wir werden euch finden, und wir werden nicht nachlassen. Wir werden die wichtigste Operation gegen euch starten, die je gegen euch geführt wurde. Der Krieg hat begonnen.“ Die Attentäter werden als Gesindel bezeichnet. Am Ende ist dazu die erste Reaktion von Frankreichs Präsident François Hollande auf die Anschläge zu hören, in der er die „Neutralisierung“ der Terroristen ankündigt.

Bereits im Februar hatte Anonymous den IS nach den Angriffen auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zum Ziel erklärt. Die Hacker griffen Hunderte Social-Media-Konten an, viele verschwanden aus dem Netz. Anonymous ist ein lose organisiertes Hacker-Netzwerk, dessen Aktivitäten nur schwer zu verfolgen sind.

Unter den Twitter-Hashtags #OpISIS und #opParis vermelden die Hacker erste Erfolge der „größten Operation der Geschichte“. So veröffentlichten sie eine Liste mit 30 Accounts, die der Terrormiliz zugeordnet seien sollen. Insgesamt seien durch Recherchen schon 5500 Accounts von IS-Symphatisanten identifiziert und gesperrt worden.

Laut der britischen Zeitung „The Independent“ soll auch eine Adresse einer Person veröffentlicht worden sein, die in Europa Kämpfer für den IS rekrutiert. Auf Twitter gibt sich Anonymous selbstsicher: „Mach keine Fehler: Anonymous ist im Krieg mit dem Daesh (Anm. d. Red.: Herablassende Bezeichnung für den Islamischen Staat). Wir werden nicht aufhören, uns dem Islamischen Staat entgegenzustellen. Wir sind außerdem bessere Hacker.“

Dennoch bleibt die Frage, ob die Hacker der Terrororganisation nachhaltig schaden können. „Wo andere noch diskutieren, ob Krieg nun der richtige Ausdruck ist, erklärt Anonymous ihn einfach“, schreibt die Zeit. Es sei ein netter aber naive Gedanke, sagt Autor Eike Kühl und zweifelt am Effekt der Maßnahmen. Aktuellen Zahlen nach hat das Hackerkollektiv innerhalb eines Jahres bereits 149 IS-Webseiten, 101.000 Twitter-Accounts und 5900 Propaganda-Videos entfernt, berichtet das Magazin „Foreign Policy“.

Neben der Störung der Kommunikation haben es Anonymous-Hacker auch auf potenzielle Webseiten der Terrorgruppe abgesehen. Diese werden gezielt attackiert und durch sogenannte DDOS-Angriffe lahmgelegt. Dafür werden die Server mit Anfragen bombardiert, bis sie überlasten. Die Gruppe suche gezielt nach Inhalten im Web und Deep Web. Jeder Internetnutzer kann über ein Formular auffällige Inhalte melden.

Wie arbeiten die Hacker von Anonymous?

Das Online-Magazin „Wired“ schreibt von zwei Ebenen, auf denen Anonymous arbeitet. Viele Sympathisanten seien demnach unerfahrene Hobby-Programmierer oder „Script Kiddies“, die fremde Programme nutzten um „mitzuspielen“. Es gehe hier darum, die Öffentlichkeit gegen den Terror herzustellen. Wired nennt dies eine „digitale Bürgerwehr“. Die zweite Ebene werde von Programmierern beherrscht, die oft einen IT-Security oder militärischen Hintergrund hätten. Laut Experten seien weniger als fünf Prozent der Anonymous-Hacker solche Profis.

Kritik und Zuspruch für die Kriegserklärung

Die Argumente für den Cyberkrieg gegen den Islamischen Staat liegen auf der Hand: Die Löschung von Twitter-Accounts und Videos sowie das Lahmlegen von Rekrutierungswebseiten stören die Kommunikationswege des IS im Netz. Andere argumentieren dagegen und sind der Meinung, dass Anonymous den IS nachhaltiger unterwandern müsste. Das bedeute das Offenlegen von Finanzen oder das Enttarnen möglicher Helfer wie Waffenlieferanten, heißt es im Bericht der Zeit weiter. Dies scheine unmöglich. Geheimdienste wie der Bundesnachrichtendienst (BND), die National Security Agency (NSA) oder der MI6 (England) investieren massiv in Überwachungsprogramme, haben jedoch selbst kaum Informationen über Geldflüsse oder Strukturen der Terrororganisation. Dass ein loses Hackernetzwerk diese Informationen offenlegen kann, scheint unwahrscheinlich.

Der Krieg zwischen IS und Anonymous ist für einige Experten sogar eine Bedrohung für die europäische Sicherheit. Im Frühjahr sprach Max Hess vom internationalen Sicherheitsberater „Global Intelligence AKE Group“ mit Wired. Er zweifelt den Erfolg von Anonymous an und sagte: „Sollte Anonymous es wirklich schaffen, die Seiten der Dschihadisten aus dem Netz zu tilgen, kann das zu einem riesigen Problem werden.“ Warum?

Die Antwort ist denkbar einfach. Wird eine Webseite entfernt, gibt es für europäische und amerikanische Geheimdienste keine Informationen mehr, die sich im Netz über Islamisten finden. Würde Anonymous in dem Krieg die Oberhand gewinnen, brächen mehr und mehr Webseiten weg, die sich Geheimdienste zunutze machen können, sagt Hess. Welche Entwicklungen die Islamisten-Szene dann mache, sei dann schwerer vorherzusagen.

Inwiefern Anonymous „die Guten“ sind, ist ebenfalls fraglich. Noch vor einigen Jahren hackte der jetzt so sympathisch wirkende Schwarm Dienste wie das Playstation Network, einige Banken und Unternehmen. Die Folge waren Sammlungen von Adress- und Kreditkartendaten, die im Netz veröffentlicht wurden. Damals waren keine Terroristen betroffen, sondern normale Bürger. Eine Gruppe namens „LulzSec“ war hauptverantwortlich für die Taten. Viele Mitglieder der Gruppe sitzen mittlerweile im Gefängnis. Viele Anons (Sympathisanten von Anonymous) distanzieren sich von „LulzSec“. Für Kühl ist jedoch klar: In der Anonymität tummeln sich ebenso skrupellose Hacker wie talentierte Sicherheitsexperten.

Doch auch der IS reagiert auf die Bedrohungen durch Anonymous. In einem Bericht von „Business Insider“ heißt es, die Terroristen hätten über einen Account der Messenger-App „Telegram“ eine Nachricht an ihre Follower verfasst, in der sie vor Anonymous warnen. Die Nachricht beinhalte Instruktionen, wie man sich vor einem Angriff schützen könne. So sollen IS-Anhänger keine Links öffnen, die sie nicht kennen, ihre IP-Adresse regelmäßig ändern und nicht mit Unbekannten auf Telegram oder Twitter chatten.

Terroristen kommunizieren längst auf verschiedenen Wegen

Bislang konzentrieren sich die Anonymous-Attacken auf Twitterkonten, dabei kommunizieren IS-Sympathisanten längst auf verschiedenen Kanälen. So wurde nach den Anschlägen in Paris bekannt, dass Terroristen nicht unbedingt über soziale Netzwerke kommunizieren, sondern sich anderer Hilfsmittel bedienen – etwa der Playstation 4. Das sagte der belgische Innenminister Jan Jambon am Wochenende. „Die am schwierigsten zu überwachende Kommunikation zwischen Terroristen sind Gespräche mittels einer Playstation 4“. Die Spielekonsole bietet eine schwer zu knackende Verschlüsselung. PS4-Nutzer können über das Playstation-Netzwerk (PSN) Nachrichten verschicken, telefonieren oder auch in Spielen kommunizieren. Diese Gespräche ließen sich nicht abhören, sagt Jambon. Wie Spiegel Online berichtet, würden sogar Dokumente des Whistleblowers Edward Snowden belegen, dass sich CIA-Mitarbeiter in Online-Games aufhalten, um Terroristen auf die Spur zu kommen – ein aussichtsloses Unterfangen. Laut Forbes Magazin könnten Terroristen in Spielen ungestört kommunizieren und könnten dabei auch non-verbal, zum Beispiel im Nintendo-Spiel „Super Mario Maker“ mit Münzen buchstabieren oder beim Egoshooter „Call of Duty“ auf Wände schießen, kommunizieren, um Botschaften auszutauschen. Unter 110 Millionen PSN-Nutzern ist es schwierig, Terroristen ausfindig zu machen.

Am Ende bleibt also offen, inwieweit die Aktionen der Hackergruppe Anonymous Erfolg haben. Wenn nur ein paar veröffentlichte Daten zur Überführung eines Terroristen führen, ist dem Frieden vielleicht einen Schritt weit geholfen. Der nächste Schritt birgt neue Gefahren. Um die dezentrale Struktur des IS zu zerstören, bedarf es mehr als nur das Löschen von Twitter-Accounts und Lahmlegen von Webseiten. Wie künftige Anschläge verhindert werden können, ist die Mammutaufgabe von Geheimdiensten und der Politik. Wer planen will, wird planen, wer kommunizieren will, wird kommunizieren.

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