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Interview : Google Street View als „Symbol für eine digitale Invasion“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Googles Aufnahmen führten in Deutschland zu einer intensiven Debatte über Datenschutz. Drei Fragen an Hamburgs Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar.

Vor fünf Jahren startete der Online-Kartendienst Google Street View in Deutschland. Damals führten Googles Aufnahmen in Deutschland zu einer intensiven Debatte über Datenschutz. Tausende beantragten bereits vor dem Start, ihre Hausfassaden unkenntlich zu machen. Heute wirke diese Diskussion wie aus einer anderen Zeit, sagt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar.

Herr Caspar, vor fünf Jahren gab es zum Start von Google Street View eine intensive Debatte über Datenschutz. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Man hat das Gefühl, es sei schon viel mehr Zeit vergangen als nur fünf Jahre. Diese Debatte wirkt wie aus einer anderen Zeit. Das war der erste und der letzte große Clash zwischen analoger und digitaler Welt in Deutschland. Google wurde damals mit den Autos, die kamen und die Straßen fotografierten, zu einem Symbol: Für einige war es digitale Innovation, für die meisten aber digitale Invasion. Viele Menschen hielten es für nicht akzeptabel, dass ein Konzern einfach so ihre Daten in Ansichten, in denen sie selbst als Statisten auftraten, für eigene kommerzielle Zwecke wirtschaftlich verwerten durfte.

Hat die Debatte aus Ihrer Sicht etwas bewirkt?
Uns Datenschützer haben die Pläne von Google damals monatelang in Atem gehalten. Für Google war es ein Lehrstück: Die Manager haben gesehen, dass sie besser nicht als digitale Technokraten auftreten sollten, die das Recht bis zum Rande des Erlaubten ausschöpfen und sich einfach bedienen. Das gilt gerade auch für die WLan-Mitschnitte, die Google heimlich während der Fahrten durchführte. Am Ende hat Google die Forderungen des Datenschutzes erfüllt. Das Recht der Menschen, Bilder von den Ansichten ihrer Häuser auf Antrag zu verpixeln, hat schließlich zur Akzeptanz des Dienstes in Deutschland geführt. Damals sind branchenweit geltende Standards geschaffen worden. Mittlerweile achtet der Konzern stärker auf seine Außenwirkung und ist wesentlich gesprächsbereiter. Das gilt längst nicht für andere global agierende Internetunternehmen.

Sie sprechen von dem ersten und zugleich letzten Kampf zwischen analoger und digitaler Welt. Heute gibt es viel mehr Dienste, bei denen Unternehmen Daten sammeln und verwerten – aber warum gab es nie mehr eine so intensive Debatte darüber?
Die Welt hat sich seither stark verändert und ist viel unübersichtlicher geworden. Das Sammeln von Daten hat sich potenziert, dagegen erscheint Google Street View wie eine Randnotiz. Die Datensensibilität ist bei vielen Menschen – gemessen an damals – gesunken. Ein Grund ist die Gewöhnung. Viele Dienste gehören heute selbstverständlich zum Alltag. Hinzu kommt, dass der Nutzwert und die Chancen moderner Technologien die Sicht auf Fehlentwicklungen und Risiken für die Privatsphäre und die Freiheit des Einzelnen versperren.

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