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Mensch gegen Maschine : Go – wenn ein PC das Spiel neu erfindet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

2016 schlägt die Google-Software AlphaGo einen der weltbesten Spieler mit einem unerwarteten Zug. Was bleibt von diesem Moment?

shz.de von
erstellt am 24.Jul.2017 | 07:33 Uhr

Jena/Oberhof | Als ein Computer im Duell Mensch gegen Maschine für eine Sensation sorgte, saß Manja Marz mitten in der Nacht vor dem Rechner und schaute zu. Die Google-Software AlphaGo schlug im März 2016 einen der weltbesten Spieler in dem asiatischen Brettspiel Go. Nicht nur, dass das Spiel bis dahin als zu komplex für Computer galt. Die Software überraschte zudem mit einem Zug, den kein Kenner des Spiels erwartet oder zunächst verstanden hätte - auch Marz nicht.

„Superspannend“ sei das gewesen, sagt sie heute. „Die ganze Go-Welt war geschockt.“ Die 36-Jährige aus Jena ist siebenfache deutsche Go-Meisterin. Sie organisierte den europäischen Go-Kongress, der am Samstag samt Europameisterschaft und anderen Turnieren im südthüringischen Oberhof beginnt.

Go gilt aufgrund einer Vielzahl an spielbaren Varianten als wesentlich komplexer als Schach. Das IBM-Programm Deep Blue besiegte den früheren Schach-Weltmeister Garri Kasparow schon 1997. Der Rechner konnte 200 Millionen Schach-Positionen pro Sekunde analysieren.

Um Go zu meistern, musste die Londoner Google-Firma Deep Mind einen Schritt weiter gehen. So wurden bei AlphaGo zunächst 30 Millionen Spielzüge von Fachleuten eingespeist - danach konnte das Programm den Zug des Menschen in 57 Prozent der Fälle vorhersagen und sich bei der Analyse nur auf diese wahrscheinlichen Varianten konzentrieren. Um besser zu werden, spielte AlphaGo dann viel gegen sich selbst.

Auch Marz war im März 2016 geschockt, wie sie sagt. „Der Computer hat Charakter bewiesen - wie ein Mensch.“ Worauf sie sich bezieht, ist Zug Nummer 37 in der zweiten Partie zwischen dem Computer und Lee Sedol - ein großer Moment in der Geschichte künstlicher Intelligenz.

Die Maschine überraschte den Menschen mit einer Spielidee, die sie von niemandem außer sich selbst gelernt haben konnte. „Ein Go-Profi hätte das so nicht gespielt“, sagt der Präsident des Deutschen Go-Bundes (DGoB) und Marz' Mann, Michael Marz (48). Er sei jedoch nicht geschockt gewesen, sondern beeindruckt von der Freiheit der Software.

Was bleibt von diesem Moment? „Es gab einen Riesenboom“, sagt Michael Marz. Seine Kollegen wüssten jetzt häufiger, was er da in seiner Freizeit mache. Die Nachfrage an Büchern und anderem Go-Material sei deutlich gestiegen. Aber auch das Spiel an sich habe dieser Moment vorangebracht. „Jetzt wird viel freier gespielt“, sagt Michael Marz. Die Spielidee des Computers hat Grenzen im Kopf der Spieler eingerissen. „Selbst im Amateurbereich sind jetzt Züge zu sehen, die vor zwei Jahren keiner gespielt hätte.“

Wenn das Ehepaar Marz Go erklärt, fängt das ganz einfach an. Ein Spielbrett. Weiße und schwarze, linsenförmige Steine. Schwarz fängt an. Wenige Minuten und ein paar Züge später ist es dann allerdings so kompliziert, dass dem Laien das Folgen schwer fällt. „Es gibt nur ganz wenige Regeln. Aber um es zu meistern, braucht man ein ganzes Leben“, sagt Manja Marz. „Wahrscheinlich kann man es aber nie ganz beherrschen.“

Im Vergleich zu Asien ist Go in Deutschland ein Nischen-Phänomen. Um das zu ändern, betreut Manja Marz, die als Professorin für Bioinformatik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena arbeitet, Go-Gruppen an Kindergärten und Schulen. Bundesweit gebe es vier Hochburgen, sagt sie: Trier, Hamburg, Berlin und Jena.

In Asien ist Go Volkssport. „Das sind Popstars“, sagt Manja Marz über die stärksten Spieler. „Go ist in den asiatischen Ländern so verbreitet wie hier Fußball.“ Jedes Kind lerne Go - entsprechend höher sei das Niveau. Die besten Europäer seien gerade mal so gut wie schlechte, mitunter mittelgute Profis aus Asien.

Die 24 besten Europäer sind auch bei der Europameisterschaft in Oberhof dabei. Manja Marz wird nicht antreten - unter den besten Go-Spielern des Kontinents sind ausschließlich Männer. Das Niveau der Männer sei im Schnitt höher als das der Frauen, sagt Marz. Sie habe derzeit ohnehin genug mit der Organisation des Kongresses zu tun.

AlphaGo spielt mittlerweile keine Turniere mehr. Nachdem die Software im Mai auch den aktuellen Weltspitzenreiter Ke Jie aus China besiegt hatte, kündigten die Entwickler an, man wolle sich nun auf Algorithmen konzentrieren, die der Menschheit helfen sollen. Dazu gehörten Arzneien für Krankheiten, die Senkung des Energieverbrauchs oder das Erfinden neuer Materialien.

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